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Mittwoch, 4. Januar 2012

10. Kapitel: Zusammen oder getrennt?

„Ja, einen Drachen“, sagte er, scheinbar etwas abwesend. „Wissen Sie, Frau Mayer-Galotti, ich glaube, Bock hat gar nichts mit all dem zu tun. Nach dem, was ich von ihm weiß, halte ich ihn schlicht nicht für fähig dazu. Wie auch immer er zu der Mail meines Auftraggebers gekommen ist – es muss ein Zufall gewesen sein.“
„Das ist gut möglich“, meinte Verena. „Aber jetzt ist Bock tot. Und nicht nur er, sondern auch noch eine Zeugin. Ich mache mir schreckliche Vorwürfe deswegen. Wir hätten sie schützen müssen. Ich gehe davon aus, dass wir es mit ein und demselben Mörder zu tun haben. Diese Abfolge ist zu auffällig. Die Frau war ansonsten völlig unbescholten, niemand wäre auf die Idee gekommen, sie umzubringen.“ Außer ich, dachte sie, aber das behielt sie für sich. „Natürlich kann Bock von allen möglichen Leuten umgebracht worden sein. Er war ein Ekel. Wir gehen noch der Spur mit dem Arbeitskollegen von ihm nach, der scheint ihn jedenfalls nicht gemocht zu haben. Aber wissen Sie, warum ich ziemlich sicher bin, dass diese Bildergeschichte dahintersteht?“
„Die tote Zeugin.“
„Genau. Dieser Zusammenhang drängt sich geradezu auf.“
Jetzt schwiegen beide. Verena nippte an ihrem Wein und betrachtete ihr Gegenüber. Mir drängt sich ja noch etwas anderes geradezu auf, dachte sie. Warum muss dieser Mann ausgerechnet in Argentinien wohnen? Wenn mir schon mal jemand gefällt. Bald wird er zurückfliegen und aus meinem Leben verschwinden. Es ist ein Jammer.
„Woran denken Sie?“, fragte Ari Kelch.
„Ach – ich … Ich dachte über den Fall nach“, log Verena.
Ari Kelch schmunzelte, als hätte er ihre Gedanken erraten.
„Wissen Sie, was eigenartig ist?“, sagte er, „mein Auftraggeber wollte jeden Tag einen Bericht per Mail von mir. Und die ersten drei Tage hat er immer sofort darauf geantwortet und mir neue Instruktionen gegeben. Er schien sehr interessiert an Bock zu sein, stellte immer neue Fragen. Schließlich habe ich ihm die Mappe mit allen gesammelten Informationen und Fotos zugeschickt. Eben allerdings ist mir eingefallen, dass er schon ein paar Tage, bevor Bock ermordet wurde, gar nicht mehr auf meine Mails reagiert hat. Und zu der Mappe hat er sich auch nie geäußert. Er schien ganz plötzlich alles Interesse verloren zu haben.“
„Das ist allerdings merkwürdig“, räumte Verena ein.
Wieder versanken beide in Schweigen. Der Kellner kam und erkundigte sich, ob sie noch Wünsche hätten. Spontan schlug Verena einen Spaziergang vor. Sie hatte das Gefühl, gedanklich festzustecken, sich bewegen zu müssen. Ari war einverstanden und verlangte die Rechnung.
„Getrennt oder zusammen?“, fragte der Kellner.
„Getrennt!“, sagte Verena im selben Moment als Ari „Zusammen!“ sagte.
Dank ihres klingelnden Handys wurde Verena einer Diskussion über „getrennt oder zusammen“ entbunden. Es war ihr Kollege, der ihr mitteilte, er hätte soeben mit dieser Table Dancerin Linda gesprochen. Das Alibi von Kamm sei wasserdicht, da sich sogar Lindas Kolleginnen an den Abend und an Kamms Anwesenheit erinnerten.
Als sie das Gespräch beendete, hatte Ari bereits die Rechnung bezahlt. Auf ihren Protest hin hob er die Hand: „Es ist mir eine Ehre, wirklich. Ich würde es auch tatsächlich gern öfter tun, wenn Sie es mir erlaubten.“
Verena war sprachlos.
Sie schlenderten an der Spree entlang, und hier, im Schutz der Dunkelheit, wagte Verena, Ari zu fragen, wie lange er denn vorhätte, noch in Berlin zu bleiben.
„Das kommt darauf an“, entgegnete er.
„Worauf denn?“
„Wie lange Sie mich ertragen, nicht wahr? Erst einmal habe ich Ihnen ja meine Unterstützung für den Fall zugesagt. Das heißt, wenn Sie erlauben, werde ich mindestens so lange bleiben, bis der Fall gelöst ist. Und danach …“, er machte eine bedeutsame Pause, blieb stehen und sah Verena an, „danach würde ich Sie fragen, …“
Verena hielt die Luft an.
Ein schriller Klingelton unterbrach die Stille zwischen ihnen.
„Entschuldigung“, murmelte Verena und nahm ab. „Mayer-Galotti?“
„Hier ist Ralf, ich wollte dir...“
Verena war auf Hundertachtzig. „Sag mal Ralf, was soll das denn! Es ist fast 23 Uhr! Hab ich überhaupt kein Privatleben mehr!?“
„Na dann nicht. Ich wollte dir nur das Neueste zum Fall erzählen. Aber bitte, wenn es dich nicht interessiert, dann erfährst du es eben morgen.“
„Jetzt spiel nicht Kindergarten. Sag schon.“
„Die Kollegen haben den ‚Affen‘ gefunden. Er ist hier. Und heißt tatsächlich Hans Müller. Du glaubst es nicht, er sieht allen Ernstes so aus wie auf dem Phantombild. Und die Waffe haben sie auch. Wurde uns eben reingebracht.“
„Heißt das, du bist immer noch auf Arbeit? Und kannst du mir mal verraten, warum du hier über Dinge redest, die überhaupt nicht in deinen Bereich fallen?“
Ralf räusperte sich. Es war deutlich zu hören, dass er sich bemühte, sich seine Kränkung nicht anmerken zu lassen. „Hör zu Verena. Ich – ich wollte Dir eine Freude machen, ja? Ich dachte -. Das ist doch ein toller Fortschritt, oder? Du kannst ihn morgen verhören! Sag mal, was hältst du davon, wenn wir uns treffen? Ich mache Feierabend und hole dich irgendwo ab? Ich könnte dich zum Essen einladen.“
Verena wäre fast explodiert. „Danke für die Info! Und: nein, halte ich nichts von. Bitte, gib es auf, Ralf, ja?“
„Aber -“
Sie legte auf.
Ari schmunzelte. „Ein Verehrer?“
Und als Verena, die noch damit zu tun hatte, ihren Ärger abzuschütteln, nicht antwortete, setzte er hinzu: „Ich kann ihn verstehen.“
Verena war so nervös, dass sie einfach weiterging. „Es gibt etwas Neues“, sagte sie. „Sie haben den Mann, der die Waffe gekauft hat.“
„Großartig! – Sagen Sie einmal, um auf Ihre Bemerkung am Telefon zurückzukommen: arbeiten Sie eigentlich immer vierundzwanzig Stunden täglich?“
„Gegenfrage“, konterte Verena. „Was würden Sie mich fragen, wenn der Fall gelöst ist?“   


Dienstag, 3. Januar 2012

Kapitel 9: Der Besuch beim Drachen

Das Vorsprechen im Theater für die Rolle des Revisors lief miserabel.
„Sie müssen mehr Witz in Ihre Rolle bringen, sonst wird das Stück langweilig!“, forderte der Regisseur Konrad auf.
Konrad gab sich Mühe, aber er war nicht witzig, und er fühlte sich auch nicht so.
Als er das Theater nach dem Vorsprechen verließ, wußte er, dass er die Rolle nicht bekommen würde.
Er war enttäuscht, schob die Enttäuschung aber von sich:
‚Vielleicht ist es besser so. Ich habe den Kopf sowieso gerade mit wichtigeren Dingen voll. Hoffentlich ist das Geld da!‘, sagte er zu sich selbst.
Langsam lief er zur Western Union Bank. Wenn alles gut ging, lag dort eine Menge Geld für ihn bereit. Der „Drache von Tarascon“ hatte es ihm einen Tag zuvor telefonisch versprochen.
Konrad hatte ihn angerufen und dieses Mal ganz augenscheinlich den richtigen Kaufinteressenten kontaktiert.
„Qui?“ hatte dieser mit einer alten Raucherstimme in den Hörer gesprochen.
„Bessi hier,“ hatte Konrad geantwortet. „Sie haben mich wegen des Bildes kontaktiert.“
„Warum melden Sie sich erst jetzt?“ frage die Raucherstimme am anderen Ende.
„Ich habe mich bei der ersten Kontaktaufnahme in der E-Mailadresse geirrt. Es war ein Versehen.“
„Ich verstehe,“ antwortete der Alte zögerlich.
„Wie darf ich Sie nennen? Verraten Sie mir Ihren Namen?“, fragte Konrad.
„Nennen Sie mich ruhig Herr Drache. Ich möchte gern anonym bleiben.“
„Nun gut, Herr Drache. Mir ist zwar unbehaglich dabei, da Sie meinen vollen Namen kennen, aber ich akzeptiere Ihren Wunsch.“
„Ich möchte mir das Bild gern ansehen, bevor ich es kaufe. Wie wäre es, wenn ich Sie besuche?“
„Wie bitte? Nein, das geht auf gar keinen Fall!“, lehnte Konrad ab. „Sie kennen meinen Namen, und jetzt soll ich Ihnen auch noch meine Adresse geben, ohne etwas über Sie zu wissen? Sie könnten von Interpol sein und mir beim Öffnen der Tür Handschellen anlegen. Sie könnten auch ein Raubmörder sein und mich in meinem eigenen Haus umbringen und das Bild stehlen! Das Risiko kann ich nicht eingehen!“
„Denken Sie nicht, dass ich schon längst getan hätte, wovor Sie Angst haben, wenn ich von Interpol oder ein Raubmörder wäre? Wissen Sie nicht, dass ich schon längst weiß, wo Sie wohnen?“
Konrad überkam ein kalter Schauer. Ihm war unwohl zumute. Er konnte hören, wie der Drache einen Zigarettenzug inhalierte und ausatmete.
„Nun gut,“ sagte der Drache langsam. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich überweise Ihnen morgen eine Million Dollar per Western Union. Das Passwort zur Abholung ist ‚Drache von Tarascon‘.  Sobald Sie das Geld bekommen haben, buchen Sie einen Flug nach Tarascon. Sie verpacken das Bild als Sportgerät und geben es als solches am Schalter für Spezialgepäck auf. Gehen Sie in einen Sportausstatter und suchen Sie sich etwas, womit man Snowboards oder Schlitten transportiert. Sie werden schon etwas finden. Oder geben Sie das Bild als Musikinstrument auf und besorgen Sie sich einen Keyboard-Kasten. Am Flughafen werde ich Sie abholen und in mein Schloß bringen. Wenn Ihr Produkt in Ordnung ist, überweise ich Ihnen den Rest des Geldes in Ihrer Anwesenheit und Sie fliegen ohne Bild zurück.“
„Ich werde meinem Freund bescheid sagen, dass er die Polizei rufen soll, wenn ich nach drei Tagen nicht zurück bin!“, antwortete Konrad. Er überlegte verzweifelt, wo der Haken an dem Plan des Drachen sein könnte, an welcher Stelle, der Drache ihn überrumpeln könnte. Aber ihm fiel nichts ein, und die Drohung war das einzige, was ihm zur eigenen Absicherung in den Sinn kam.
„In Ordnung.“, antwortete der Drache und legte auf.
Das Geld war tatsächlich überwiesen.
Der Mann am Schalter erfragte das Passwort und zog sich, nachdem Konrad es ausgesprochen hatte, für einen Moment in die hinteren Räume zurück. Dann kam er wieder und bat um etwas Geduld. Eine Stunde später verließ Konrad mit der kompletten Auszahlung die Bank. Es war unglaublich, aber es funktionierte.
Zuhause angekommen, buchte er einen Flug nach Tarascon. Dann teilte er das Geld durch vier und brachte jeweils eine viertel Million auf zwei verschiedene Konten, packte ein Viertel in seinen eigenen Safe und brachte das verbleibende Viertel zu Martin.
„Martin, ich will, dass Du dieses Geld bei Dir unterbringst. Wenn mir etwas passiert, gehört es Dir. Wenn ich in drei Tagen nicht zurück bin, kontaktiere die Polizei, hörst Du?“
Er ließ Martin, der ein erstauntes Gesicht machte, nicht weiter zu Wort kommen.
„Ich hab’s eilig. Versprichst Du mir, worum ich Dich bitte?“
„Ja“, stammelte Martin nur, bevor Konrad davoneilte. „Ich muss das Bild verpacken und noch ein paar Besorgungen machen“, entschuldigte sich Konrad und blies Martin einen Abschiedskuss zu.

Die Verpackung des Bildes war ein Akt, aber dank der Ratschläge des Drachen, wußte Konrad, wonach er suchen musste. Er fand schließlich einen Schalenbehälter für eine Ski- oder Snowbord-Ausrüstung, der groß genug war, um das Bild darin zu verstauen.
Das Personal am Flugschalter stellte weniger Fragen als gedacht. Sportgepäck wurde ohne viel Aufhebens als zweites Gepäckstück entgegen genommen.
Auf dem Flug versuchte Konrad seine Nervosität in Beck‘s Bier zu ertränken. Der Gedanke daran, dass sein millionenschweres Bild unversichert als Sportgepäck im Cargobereich mitflog, ließ seinen Adrenalinpegel steigen. Und ihm war mulmig zumute, was den Handel anging.
Immer wenn er seine Augen schloss, hörte er das Inhalieren des Zigarettenrauchs am Telefon.
Schließlich landete der Flieger in Toulouse, und eine Stunde später brachte ihn ein kleineres Flugzeug sicher nach Tarascon.
Am Flughafen wurde Konrad von einem Chauffeur erwartet. Dieser trug ein Schild mit Konrads Namen drauf, damit Konrad auf ihn aufmerksam wurde.
„Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?“, fragte der Chauffeur höflich.
Konrad nickte müde. Auf dem Gepäckwagen vor ihm lagen ein kleiner Koffer-Rolli und eine große Sportausrüstung.
Der Chauffeur fuhr durch eine kleine Stadt mit verfallenen Häusern und Kletterrosen, die an ihnen emporrankten. Konrad war so von den Rosen in den Bann gezogen, dass er außer ihnen nichts anderes sah.
Ein paar Cafés, ein alter Springbrunnen, ein Antiquitätenladen zogen an ihm vorbei, und überall an den Häuserwänden blühten rote, rosafarbene oder weiße Rosen.
Schließlich bemerkte Konrad eine Burg, ein kleines Schloß. Sie fuhren direkt darauf zu. Er erinnerte sich, dass der Drache von einem Schloß gesprochen hatte. Es mußte also seines sein. Es war ein kleines gothisches Burgschloß mit vier Türmen an dem Ecken, die durch vier hohe Mauern verbunden waren. Im ersten Stockwerk gab es keine Fenster, nur Schießscharten. Der Eingang wurde durch ein schweres Rolltor verschlossen, öffnete sich aber als das Auto näher kam.
Der alte Bentley hielt vor dem Schloßeingang an. Der Chauffeur bot an, Konrads Gepäck hinein zu tragen, aber Konrad trug es lieber selbst.
Er betrat das Schloß mit weichen Knien.
Der Chauffeur führte Konrad in die Bibliothek und hieß Konrad an, zu warten. Und da waren sie alle versammelt: alle Bilder von Vincent Van-Gogh, die im Titel „Tarascon“ trugen.
Was für ein Anblick!
Und dann erschien ein Mann, ganz in weiß, mit einer chinesischen Drachenmaske auf dem Gesicht.
Konrad erschrak.
„Wer sind Sie?“ fragte er.


Dienstag, 13. Dezember 2011

2. Kapitel: Der Irrtum

Konrad Bessi stand vor seinem Badezimmerspiegel und gab seinem Äußeren den letzten Feinschliff. Etwas Gel in die kurzen hellbraunen Haare, etwas Puder auf die schmale Nase, etwas Kajalstift unter die blauen Augen.
Während er seine schmalen Lippen mit Vanillebalsam betupfte, dachte er darüber nach, wie er nach dem Berliner Zwischenfall weiter vorgehen sollte. Die Sache passte überhaupt nicht in Konrads Pläne. Seine Geldsorgen waren nun noch größer, da er Hans Müller bezahlen musste, und das Bild war immer noch nicht verkauft.
Er rückte seine Fliege zurecht und ging ins Schlafzimmer, um sein Jackett zu holen. Dort hielt er inne und warf einen verärgerten Blick auf das Gemälde über seinem Bett. Es zeigte einen Wanderer mit Strohhut und blauem Arbeitsanzug, der in gleißender Sonne über Feldwege spazierte und nur von seinem eigenen Schatten begleitet wurde.
In der Schlichtheit der japanischen Zimmereinrichtung und des matten Lichtes sah das Bild gar nicht so besonders aus, aber sein Schöpfer und seine Geschichte machten es mindestens acht Millionen Dollar wert, handelte es sich doch um einen echten Vincent Van- Gogh. Das Bild trug den Titel „Maler auf dem Weg nach Tarascon“ und war ein Erbstück seines Großvaters, der es, dies war Konrad bewusst, im Krieg aus dem Magdeburger Schloss gestohlen und illegal mit nach Argentinien genommen hatte.
Eigentlich hatte Konrad das Bild niemals verkaufen wollen. Zu verbunden fühlte er sich mit dem einsamen Wanderer, der auf der Suche nach einer Heimat und nach künstlerischem Erfolg war. Aber Geldprobleme zwangen ihn dazu. Seine Erbschaft neigte sich dem Ende zu, und er lebte auf großem Fuß. Erste Spielschulden hatten sich bereits angehäuft. Das Haus, die Partys, seine Liebhaber – das alles musste und wollte finanziert werden. Sein Vater hatte ihn Zeit seines Lebens zu Dingen gezwungen, die er nicht tun wollte: ein Wirtschaftsstudium und heterosexuelle Beziehungen. Am Tag als sein Vater starb, vor vier Jahren, schwor sich Konrad, dass er in der Zukunft nur noch Dinge tun wollte, die ihm Spaß machten: Theater und Black Jack spielen, Partys feiern und Partner wechseln. Noch hatte niemand Verdacht geschöpft, dass er pleite war, aber es war nur noch eine Frage der Zeit. Wenn er das Bild wenigstens für drei Millionen Dollar auf dem Schwarzmarkt verkaufen könnte, wären all seine Geldprobleme mit einem Schlag gelöst. Der erste Versuch war leider fehlgeschlagen, aber vielleicht tat sich bald eine zweite Chance auf.
Konrad zog sein Jackett an und ergriff die Autoschlüssel. Er schaltete die Alarmanlage des Hauses an und schritt zügig zur Garage, die er kurz darauf in einem weinroten Jaguar verließ.
Seitdem er vor ein paar Jahren zum ersten Mal Deutschland besucht hatte, war er immer noch überrascht, wie sehr seine Strasse den Strassen einer bayrischen Kleinstadt ähnelte. Er war hier in Argentinien, in Bariloche, aufgewachsen und hatte mit seinem Vater immer Deutsch geredet. Aber Besuche in Deutschland gab es nur den einen. Trotz seiner geringen Verbundenheit zu Deutschland, fühlte er sich zu deutsch um argentinisch zu sein und zu argentinisch, um deutsch zu sein. Dies ließ ihn vorwiegend in der Gegenwart leben. Er konnte sich weder mit argentinischer noch mit deutscher Geschichte identifizieren. Ja, es muss einen Grund gegeben haben, warum sein Vater und dessen benachbarte Freunde nach dem Krieg nicht in Deutschland bleiben konnten, und warum ein jeder von ihnen ziemlich wohlhabend war, aber darüber hatte niemand von ihnen jemals ein Wort verloren. Konrad war all dies egal. Besonders das Leiden anderer Menschen war ihm egal, weil er fand, dass er selbst genug gelitten hatte. In der Schule war er wegen seines mädchenhaften Aussehens gehänselt und ausgestoßen worden. Mit 14 hatte er seine Mutter an einen Reitunfall verloren. 
Konrads Freund Martin, der ihm in Jeans und mit nassen Haaren die Tür aufmachte, begrüßte Konrad mit einem Kuss auf die Wange und den Worten:
„Ich habe eine Überraschung für Dich. Du erhältst ein Vorsprechen für die Rolle des Revisors von Gogol. Das ist Deine Chance auf eine Hauptrolle. Nächste Woche Mittwoch, um 11 Uhr, im Theater. Was sagst du? Freust du dich?“
Konrad war verblüfft.
„Was? Heiliger Schwan. Wie hast du denn das gemacht? Das ist großartig!“ Konrad klatschte sich vor Freude in die Hände.
„Für dich tue ich doch alles!“, antwortete Martin schelmig und zupfte Konrad an der Fliege. „Ich habe meine Beziehungen als Bühnenschreiner für dich spielen lassen.“ Er lächelte, dann forderte er Konrad auf:
„Komm mit ins Bad. Ich muss mich noch fertig machen.“
Konrad folgte Martin ins Bad und sah zu, wie sich dieser frisierte. Einen Moment zögerte er, dann sprach er aus, was ihm auf der Seele lag:
„Du sag mal, der Kaufinteressent, den du mir letztens vermittelt hast... wie viel wusstest du von dem? Ich habe ihn kontaktiert, aber wie sich herausstellte, war er nicht am Kauf interessiert.“ Konrad wählte seine Worte mit Bedacht.
„Was?“ Martin wandte seinen Blick Konrad zu und sah ihn mit erstaunten, braunen Augen an. „Das kann nicht sein. Wie ich dir bereits gesagt hatte, habe ich den Namen von einem Freund, der Kunst- Auktionen veranstaltet. Er hatte mir den Namen sehr diskret zugesteckt und nur gesagt, dass es ein deutschsprachiger Kunstsammler aus Südfrankreich sei. In Tarascon lebe er wohl. Daher auch die komische Email-Adresse: drache-von-tarascon@mail.com. Was ist denn passiert? Hast du mit ihm gesprochen?“
„Nun ja...“ erwiderte Konrad vorsichtig, „er wollte den Kauf nicht. Und dummer Weise hatte ich ihm in meiner Mail sensible Daten mitgeliefert, weil ich annahm, er käme aus vertrauenswürdiger Quelle.“
„Oh, das tut mir leid, Konrad. Ich frage meinen Freund noch mal, was er sich dabei gedacht hat, uns diesen Namen zu geben. Das ist ja furchtbar!“
„Nein, frag‘ lieber nicht! Ich möchte nicht, dass die Sache große Wellen schlägt. Lass uns die Sache unter den Teppich kehren. Es ist ja nichts weiter passiert.“
Konrad versuchte bei dem Abendessen, zu dem er Martin eingeladen hatte, lebendig und fröhlich zu wirken. Nur leider war ihm nicht so zumute. Das Fleisch schmeckte trocken, der Wein fade. Zwar ging er nach dem Essen noch für eine Stunde mit zu Martin, aber selbst dieser schmeckte an diesem Abend nicht so gut wie sonst.
Wieder zu Hause angekommen, schlug Konrad seinen Laptop auf und schaute kurz in seine Mails.
Da lag eine Mail in seinem Postfach mit dem Absender: drache_von_tarascon@mail.com. Als er sie öffnete, las er die Worte: „Warum melden Sie sich nicht bei mir? Ich bin immer noch an dem Bild interessiert." Konrad schaute auf die Unterstriche und begriff, dass er beim ersten Mal die falsche Person angeschrieben hatte. Was für ein fataler Irrtum! 


1. Kapitel: Mord oder Selbstmord

Oh, nein, nicht schon wieder. Er hatte erneut die Weingläser umgeschmissen, und ein weiteres Mal vernahm Verena Mayer-Galotti das nervtötende Geräusch zerbrechenden Glases.
"Gianni, jetzt hör endlich auf", sagte sie.
"Ja, ja, schon gut", sagte er, kam näher und begann an ihrem Ohrläppchen zu knabbern
Normalerweise hätte sie Gianni schroff von sich gewiesen, aber zu ihrem eigenen Erstaunen lies sie Gianni gewähren und genoss die unerwartete Zärtlichkeit. Doch da passierte es schon wieder, Glas klirrte und klirrte. Und irgendetwas an diesem Geräusch irritierte sie zusätzlich, denn das Klirren klang doch merkwürdig schrill.
"Meine Güte, jetzt reicht es aber wirklich", sagte Verena genervt und schlug auf den Tisch.

Da erwachte sie, das Klirren war kein Rotweinglas und auch ihr Ex-Mann war nicht in ihrer Nähe. Es war das Telefon, das sie tief aus ihren Träumen riss.
"Ja, bitte?!", murmelte sie in den Hörer.
"Frau Mayer-Galotti, Sie müssen sofort kommen. Es hat einen Vorfall in Mitte gegeben, Nähe Hackescher Markt."
Plötzlich war sie hellwach.
"Wo genau?", fragte sie.
"An der Spandauer Brücke 11, Hotel Adina, ein Mann ist aus dem fünften Stock des Hotels gestürzt, tot. Mord oder Suizid, das ist noch nicht sicher"
"Alles klar, ich bin sofort da."
"Mist", fluchte sie, als sie auf die Uhr sah. Es war Sonntagvormittag, kurz nach neun, doch die Kommissarin fühlte sich wie gerädert. War sie doch erst vor wenigen Stunden ins Bett gekommen, nachdem sie mit einer 40-jährigen Freundin deren Junggesellinnen-Abend gefeiert hatte. Was musste Sybille auch zum dritten Mal heiraten? Einmal heiraten und sich scheiden lassen, müsste doch als Lebenserfahrung reichen, dachte sie und wurde sofort wieder an Gianni erinnert, mit dem die letzten Ehejahre ein einziger Kampf gewesen waren. Und jetzt träumte sie auch noch so einen hausgemachten Blödsinn von ihm.

Verena seufzte und zog sich wie automatisiert Jeans, Pulli und Blazer über und steckte Zigarrettenschachtel und Feuerzeug ein. Dann fuhr sie sich noch einmal kurz durch die dunklen, langen Locken und ließ die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen.

Am Tatort angekommen, war die Spurensicherung bereits da, ein weißes Tuch lag über der Leiche und die Kollegen hatten einen Sichtschutz aufgestellt.
"Weiß man schon wer der Tote ist?, fragte sie den Kollegen Michels von der SpuSi.
Michels grinste und hielt ihr einen Personalausweis vor das Gesicht.
"Randolf Bock", las sie, geboren in Berlin am 1. August 1979. Das Passfoto zeigte einen unscheinbaren Mann mit fettigem Haar und teigigem Gesicht. Dann zog Michels kurz das Leichentuch zur Seite. Randolf Bock lag mit aufgerissenen, starren Augen auf der Seite, Blut sickerte ihm aus dem Mund.
"Wer hat die Polizei gerufen?", wollte sie wissen.
"Die ältere Dame dort", sagte Michels und wies auf eine kleine, hagere Frau von etwa 70 Jahren, die gerade auf dein paar Passanten einredete. Na, das kann ja heiter weiter, murmelte Verana, doch noch bevor sie sich entscheiden konnte, wenn sie zuerst befragen sollte, kam die Alte schon auf sie zu.
"Sind Sie von der Kripo? Na endlich, das wurde aber auch Zeit, ich hatte schon gleich so etwas im Gefühl als ich die beiden Männer ..."
"Wie heißen Sie?", schnitt Verena ihr das Wort ab.
Die 70-Jährige sah sie verwundert an: "Also, ich hab ihn mit eigenen Augen gesehen, ...den, der ihn über den Balkon geschubst hat. Und ich hab noch gute Augen, richtig gute Augen, verstehen Sie?"
"Ja, ja, das glaube ich Ihnen, trotzdem würde ich gerne erst einmal Ihre Personalien aufnehmen. Ihren Ausweis bitte."
Die ältere Frau guckte erst etwas beleidigt, holte dann aber ihren Personalausweis hervor. "Magdalena Zöllner, ich wohne seit 50 Jahren in dieser Straße."
"Spandauer Brücke 12", las Verena und blickte sich um. "Wo genau ist denn die Nummer 12?"
"Na, dort", sagte Frau Zöllner und wies auf einen Plattenbau, der direkt gegenüber des Hotels lag.
"Ich wohne schon seit DDR-Zeiten dort, im fünften Stock, da bin ich direkt in Augenhöhe mit dem obersten Stock des Adinas. Aber wissen Sie, damals, da sah das noch ganz anders hier aus, und jetzt wird alles neu gebaut, wie das Hotel hier. Und überall die Touristen, ich muss Ihnen sagen, furchtbar. Letztens hat man mich in der Bäckerei sogar Englisch angesprochen, ist das noch zu fassen? Können Sie sich das vorstellen? Von den Schrippen, die man dort verkauft, will ich gar nicht sprechen! Ich weiß ja nicht, ob Sie auch aus dem Osten..."
"Frau Zöllner", unterbrach Verena sie scharf, "was genau haben Sie denn gesehen?"
"Ich sah einen Mann in das Hotel kommen, der mir schon mal verdächtig vorkam."
"Inwiefern verdächtig?"
"Na, wissen Sie, das hat man im Gefühl. Der sah so aus, als würde er dem Hartz-IV-ler folgen. Das kam mir ja schon spanisch vor."
"Hartz-IV-ler? Ein Arbeitsloser? Wie kommen Sie denn darauf?"
"Na, der Ermorderte. Gucken Sie sich den doch mal an, das ist kein Gast vom Adina. Die Gäste dort haben Geld. Die laufen nicht so herum wie der." Frau Zöllner, die eine weiße, gebügelte Bluse trug, verzog leicht das Gesicht.
Ja, dachte Verena, die Zeugin hatte insofern recht, als dass der Ermordete mit seiner ausgebeulten Cordhose und dem ausgefransten Pulli nicht gerade wie der typische Gast eines so schmucken Design-Hotels wie das Adina aussah.
"Was geschah weiter?"
"Na , drei Minuten später sah ich die beiden auf dem Balkon miteinander rangeln, und dann fiel der Hartz-IV-ler herunter und der Andere war plötzlich verschwunden."
"Und den Anderen haben Sie nicht wieder gesehen?"
"Nein. Ich war allerdings auch etwas aufgeregt..., habe meinen Fernseher ausgestellt und die Polizei angerufen. Dann bin ich gleich hinunter. Ich wusste ja nicht, ob der Hartz-IV-ler schon tot war."
"Ob der Tote tatsächlich staatliche Transferleistungen bezogen hat, wissen wir noch gar nicht, Frau Zöllner. Aber erzählen Sie bitte zu Ende."
"Als ich unten ankam, waren schon ein paar Angestellte aus dem Hotel da. Einer versuchte noch kurz, den Toten wiederzubeleben. So ein Blödsinn. Das hat doch ein Blinder mit dem Krückstock gesehen, das der mausetot war. Dann kam die Polizei und jetzt Sie"
"Gut, Frau Zöllner, was können Sie denn zum Verdächtigen sagen? Ein Aktenkoffer..."
"Ja, ja er trug einen Aktenkoffer und so einen dunklen Mantel. Groß war er, zumindest größer als der Ermordete."
"Das ist ja auch keine große Kunst, wenn der Ermordete gerade einmal 1,68 groß war" sagte Verena, als sie sich ihre Notizen machte.
"Ich kann mit Ihnen auf das Revier kommen und Ihrer Computerabteilung ganz genau beschreiben, wie der Kerl aussah. Dann können Sie so ein Bild machen..., so ein Porträt von ihm. Wie heißt das denn noch gleich?"
"Meinen Sie etwa ein Phantombild?"
"Ja, ganz genau, ein Phantombild."
Verena rollte innerlich mit den Augen und sagte:"Ich denke, das reicht vorerst."
Und als sie Magdalena Zöllners enttäuschten Blick bemerkte, fügte sie noch schnell hinzu: "Aber falls wir es benötigen, werden wir gerne auf Ihr Angebot zurückkommen, Frau Zöllner. Und falls Ihnen noch etwas Wichtiges einfällt, rufen Sie uns bitte an. Hier ist meine Karte."
Verena reichte ihr ihre Visitenkarte, wandte sich ab und ging zu einem ihrer Kollegen, André Haase, der gerade aus dem Eingang des Hotels kam.
"Und?", fragte sie ihn, während sie sich eine Zigarette anzündete.
Haase schüttelte den Kopf.
"Nichts", sagte er. "Der diensthabende Rezeptionist und die anderen Hotelangestellten wollen niemanden gesehen haben, der auffällig gewesen wäre."
"Und die Kollegen im Hotelzimmer, wie weit sind die?"
"Die Spusi ist noch dran, aber bis jetzt gibt es im Zimmer noch keine näherern Hinweise. Der Mörder und sein Opfer scheinen sich augenscheinlich nicht lange im Hotelzimmer aufgehalten zu haben. Möglicherweise haben sie sich auch gekannt."
"Möglicherweise", sagte Verena und zog nachdenklich an ihrer Zigarette. Sollte es tatsächlich keinen anderen Zeugen als Magdalena Zöllner geben?