Posts mit dem Label Netzroman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Netzroman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 4. Januar 2012

10. Kapitel: Zusammen oder getrennt?

„Ja, einen Drachen“, sagte er, scheinbar etwas abwesend. „Wissen Sie, Frau Mayer-Galotti, ich glaube, Bock hat gar nichts mit all dem zu tun. Nach dem, was ich von ihm weiß, halte ich ihn schlicht nicht für fähig dazu. Wie auch immer er zu der Mail meines Auftraggebers gekommen ist – es muss ein Zufall gewesen sein.“
„Das ist gut möglich“, meinte Verena. „Aber jetzt ist Bock tot. Und nicht nur er, sondern auch noch eine Zeugin. Ich mache mir schreckliche Vorwürfe deswegen. Wir hätten sie schützen müssen. Ich gehe davon aus, dass wir es mit ein und demselben Mörder zu tun haben. Diese Abfolge ist zu auffällig. Die Frau war ansonsten völlig unbescholten, niemand wäre auf die Idee gekommen, sie umzubringen.“ Außer ich, dachte sie, aber das behielt sie für sich. „Natürlich kann Bock von allen möglichen Leuten umgebracht worden sein. Er war ein Ekel. Wir gehen noch der Spur mit dem Arbeitskollegen von ihm nach, der scheint ihn jedenfalls nicht gemocht zu haben. Aber wissen Sie, warum ich ziemlich sicher bin, dass diese Bildergeschichte dahintersteht?“
„Die tote Zeugin.“
„Genau. Dieser Zusammenhang drängt sich geradezu auf.“
Jetzt schwiegen beide. Verena nippte an ihrem Wein und betrachtete ihr Gegenüber. Mir drängt sich ja noch etwas anderes geradezu auf, dachte sie. Warum muss dieser Mann ausgerechnet in Argentinien wohnen? Wenn mir schon mal jemand gefällt. Bald wird er zurückfliegen und aus meinem Leben verschwinden. Es ist ein Jammer.
„Woran denken Sie?“, fragte Ari Kelch.
„Ach – ich … Ich dachte über den Fall nach“, log Verena.
Ari Kelch schmunzelte, als hätte er ihre Gedanken erraten.
„Wissen Sie, was eigenartig ist?“, sagte er, „mein Auftraggeber wollte jeden Tag einen Bericht per Mail von mir. Und die ersten drei Tage hat er immer sofort darauf geantwortet und mir neue Instruktionen gegeben. Er schien sehr interessiert an Bock zu sein, stellte immer neue Fragen. Schließlich habe ich ihm die Mappe mit allen gesammelten Informationen und Fotos zugeschickt. Eben allerdings ist mir eingefallen, dass er schon ein paar Tage, bevor Bock ermordet wurde, gar nicht mehr auf meine Mails reagiert hat. Und zu der Mappe hat er sich auch nie geäußert. Er schien ganz plötzlich alles Interesse verloren zu haben.“
„Das ist allerdings merkwürdig“, räumte Verena ein.
Wieder versanken beide in Schweigen. Der Kellner kam und erkundigte sich, ob sie noch Wünsche hätten. Spontan schlug Verena einen Spaziergang vor. Sie hatte das Gefühl, gedanklich festzustecken, sich bewegen zu müssen. Ari war einverstanden und verlangte die Rechnung.
„Getrennt oder zusammen?“, fragte der Kellner.
„Getrennt!“, sagte Verena im selben Moment als Ari „Zusammen!“ sagte.
Dank ihres klingelnden Handys wurde Verena einer Diskussion über „getrennt oder zusammen“ entbunden. Es war ihr Kollege, der ihr mitteilte, er hätte soeben mit dieser Table Dancerin Linda gesprochen. Das Alibi von Kamm sei wasserdicht, da sich sogar Lindas Kolleginnen an den Abend und an Kamms Anwesenheit erinnerten.
Als sie das Gespräch beendete, hatte Ari bereits die Rechnung bezahlt. Auf ihren Protest hin hob er die Hand: „Es ist mir eine Ehre, wirklich. Ich würde es auch tatsächlich gern öfter tun, wenn Sie es mir erlaubten.“
Verena war sprachlos.
Sie schlenderten an der Spree entlang, und hier, im Schutz der Dunkelheit, wagte Verena, Ari zu fragen, wie lange er denn vorhätte, noch in Berlin zu bleiben.
„Das kommt darauf an“, entgegnete er.
„Worauf denn?“
„Wie lange Sie mich ertragen, nicht wahr? Erst einmal habe ich Ihnen ja meine Unterstützung für den Fall zugesagt. Das heißt, wenn Sie erlauben, werde ich mindestens so lange bleiben, bis der Fall gelöst ist. Und danach …“, er machte eine bedeutsame Pause, blieb stehen und sah Verena an, „danach würde ich Sie fragen, …“
Verena hielt die Luft an.
Ein schriller Klingelton unterbrach die Stille zwischen ihnen.
„Entschuldigung“, murmelte Verena und nahm ab. „Mayer-Galotti?“
„Hier ist Ralf, ich wollte dir...“
Verena war auf Hundertachtzig. „Sag mal Ralf, was soll das denn! Es ist fast 23 Uhr! Hab ich überhaupt kein Privatleben mehr!?“
„Na dann nicht. Ich wollte dir nur das Neueste zum Fall erzählen. Aber bitte, wenn es dich nicht interessiert, dann erfährst du es eben morgen.“
„Jetzt spiel nicht Kindergarten. Sag schon.“
„Die Kollegen haben den ‚Affen‘ gefunden. Er ist hier. Und heißt tatsächlich Hans Müller. Du glaubst es nicht, er sieht allen Ernstes so aus wie auf dem Phantombild. Und die Waffe haben sie auch. Wurde uns eben reingebracht.“
„Heißt das, du bist immer noch auf Arbeit? Und kannst du mir mal verraten, warum du hier über Dinge redest, die überhaupt nicht in deinen Bereich fallen?“
Ralf räusperte sich. Es war deutlich zu hören, dass er sich bemühte, sich seine Kränkung nicht anmerken zu lassen. „Hör zu Verena. Ich – ich wollte Dir eine Freude machen, ja? Ich dachte -. Das ist doch ein toller Fortschritt, oder? Du kannst ihn morgen verhören! Sag mal, was hältst du davon, wenn wir uns treffen? Ich mache Feierabend und hole dich irgendwo ab? Ich könnte dich zum Essen einladen.“
Verena wäre fast explodiert. „Danke für die Info! Und: nein, halte ich nichts von. Bitte, gib es auf, Ralf, ja?“
„Aber -“
Sie legte auf.
Ari schmunzelte. „Ein Verehrer?“
Und als Verena, die noch damit zu tun hatte, ihren Ärger abzuschütteln, nicht antwortete, setzte er hinzu: „Ich kann ihn verstehen.“
Verena war so nervös, dass sie einfach weiterging. „Es gibt etwas Neues“, sagte sie. „Sie haben den Mann, der die Waffe gekauft hat.“
„Großartig! – Sagen Sie einmal, um auf Ihre Bemerkung am Telefon zurückzukommen: arbeiten Sie eigentlich immer vierundzwanzig Stunden täglich?“
„Gegenfrage“, konterte Verena. „Was würden Sie mich fragen, wenn der Fall gelöst ist?“   


Dienstag, 3. Januar 2012

Kapitel 9: Der Besuch beim Drachen

Das Vorsprechen im Theater für die Rolle des Revisors lief miserabel.
„Sie müssen mehr Witz in Ihre Rolle bringen, sonst wird das Stück langweilig!“, forderte der Regisseur Konrad auf.
Konrad gab sich Mühe, aber er war nicht witzig, und er fühlte sich auch nicht so.
Als er das Theater nach dem Vorsprechen verließ, wußte er, dass er die Rolle nicht bekommen würde.
Er war enttäuscht, schob die Enttäuschung aber von sich:
‚Vielleicht ist es besser so. Ich habe den Kopf sowieso gerade mit wichtigeren Dingen voll. Hoffentlich ist das Geld da!‘, sagte er zu sich selbst.
Langsam lief er zur Western Union Bank. Wenn alles gut ging, lag dort eine Menge Geld für ihn bereit. Der „Drache von Tarascon“ hatte es ihm einen Tag zuvor telefonisch versprochen.
Konrad hatte ihn angerufen und dieses Mal ganz augenscheinlich den richtigen Kaufinteressenten kontaktiert.
„Qui?“ hatte dieser mit einer alten Raucherstimme in den Hörer gesprochen.
„Bessi hier,“ hatte Konrad geantwortet. „Sie haben mich wegen des Bildes kontaktiert.“
„Warum melden Sie sich erst jetzt?“ frage die Raucherstimme am anderen Ende.
„Ich habe mich bei der ersten Kontaktaufnahme in der E-Mailadresse geirrt. Es war ein Versehen.“
„Ich verstehe,“ antwortete der Alte zögerlich.
„Wie darf ich Sie nennen? Verraten Sie mir Ihren Namen?“, fragte Konrad.
„Nennen Sie mich ruhig Herr Drache. Ich möchte gern anonym bleiben.“
„Nun gut, Herr Drache. Mir ist zwar unbehaglich dabei, da Sie meinen vollen Namen kennen, aber ich akzeptiere Ihren Wunsch.“
„Ich möchte mir das Bild gern ansehen, bevor ich es kaufe. Wie wäre es, wenn ich Sie besuche?“
„Wie bitte? Nein, das geht auf gar keinen Fall!“, lehnte Konrad ab. „Sie kennen meinen Namen, und jetzt soll ich Ihnen auch noch meine Adresse geben, ohne etwas über Sie zu wissen? Sie könnten von Interpol sein und mir beim Öffnen der Tür Handschellen anlegen. Sie könnten auch ein Raubmörder sein und mich in meinem eigenen Haus umbringen und das Bild stehlen! Das Risiko kann ich nicht eingehen!“
„Denken Sie nicht, dass ich schon längst getan hätte, wovor Sie Angst haben, wenn ich von Interpol oder ein Raubmörder wäre? Wissen Sie nicht, dass ich schon längst weiß, wo Sie wohnen?“
Konrad überkam ein kalter Schauer. Ihm war unwohl zumute. Er konnte hören, wie der Drache einen Zigarettenzug inhalierte und ausatmete.
„Nun gut,“ sagte der Drache langsam. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich überweise Ihnen morgen eine Million Dollar per Western Union. Das Passwort zur Abholung ist ‚Drache von Tarascon‘.  Sobald Sie das Geld bekommen haben, buchen Sie einen Flug nach Tarascon. Sie verpacken das Bild als Sportgerät und geben es als solches am Schalter für Spezialgepäck auf. Gehen Sie in einen Sportausstatter und suchen Sie sich etwas, womit man Snowboards oder Schlitten transportiert. Sie werden schon etwas finden. Oder geben Sie das Bild als Musikinstrument auf und besorgen Sie sich einen Keyboard-Kasten. Am Flughafen werde ich Sie abholen und in mein Schloß bringen. Wenn Ihr Produkt in Ordnung ist, überweise ich Ihnen den Rest des Geldes in Ihrer Anwesenheit und Sie fliegen ohne Bild zurück.“
„Ich werde meinem Freund bescheid sagen, dass er die Polizei rufen soll, wenn ich nach drei Tagen nicht zurück bin!“, antwortete Konrad. Er überlegte verzweifelt, wo der Haken an dem Plan des Drachen sein könnte, an welcher Stelle, der Drache ihn überrumpeln könnte. Aber ihm fiel nichts ein, und die Drohung war das einzige, was ihm zur eigenen Absicherung in den Sinn kam.
„In Ordnung.“, antwortete der Drache und legte auf.
Das Geld war tatsächlich überwiesen.
Der Mann am Schalter erfragte das Passwort und zog sich, nachdem Konrad es ausgesprochen hatte, für einen Moment in die hinteren Räume zurück. Dann kam er wieder und bat um etwas Geduld. Eine Stunde später verließ Konrad mit der kompletten Auszahlung die Bank. Es war unglaublich, aber es funktionierte.
Zuhause angekommen, buchte er einen Flug nach Tarascon. Dann teilte er das Geld durch vier und brachte jeweils eine viertel Million auf zwei verschiedene Konten, packte ein Viertel in seinen eigenen Safe und brachte das verbleibende Viertel zu Martin.
„Martin, ich will, dass Du dieses Geld bei Dir unterbringst. Wenn mir etwas passiert, gehört es Dir. Wenn ich in drei Tagen nicht zurück bin, kontaktiere die Polizei, hörst Du?“
Er ließ Martin, der ein erstauntes Gesicht machte, nicht weiter zu Wort kommen.
„Ich hab’s eilig. Versprichst Du mir, worum ich Dich bitte?“
„Ja“, stammelte Martin nur, bevor Konrad davoneilte. „Ich muss das Bild verpacken und noch ein paar Besorgungen machen“, entschuldigte sich Konrad und blies Martin einen Abschiedskuss zu.

Die Verpackung des Bildes war ein Akt, aber dank der Ratschläge des Drachen, wußte Konrad, wonach er suchen musste. Er fand schließlich einen Schalenbehälter für eine Ski- oder Snowbord-Ausrüstung, der groß genug war, um das Bild darin zu verstauen.
Das Personal am Flugschalter stellte weniger Fragen als gedacht. Sportgepäck wurde ohne viel Aufhebens als zweites Gepäckstück entgegen genommen.
Auf dem Flug versuchte Konrad seine Nervosität in Beck‘s Bier zu ertränken. Der Gedanke daran, dass sein millionenschweres Bild unversichert als Sportgepäck im Cargobereich mitflog, ließ seinen Adrenalinpegel steigen. Und ihm war mulmig zumute, was den Handel anging.
Immer wenn er seine Augen schloss, hörte er das Inhalieren des Zigarettenrauchs am Telefon.
Schließlich landete der Flieger in Toulouse, und eine Stunde später brachte ihn ein kleineres Flugzeug sicher nach Tarascon.
Am Flughafen wurde Konrad von einem Chauffeur erwartet. Dieser trug ein Schild mit Konrads Namen drauf, damit Konrad auf ihn aufmerksam wurde.
„Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?“, fragte der Chauffeur höflich.
Konrad nickte müde. Auf dem Gepäckwagen vor ihm lagen ein kleiner Koffer-Rolli und eine große Sportausrüstung.
Der Chauffeur fuhr durch eine kleine Stadt mit verfallenen Häusern und Kletterrosen, die an ihnen emporrankten. Konrad war so von den Rosen in den Bann gezogen, dass er außer ihnen nichts anderes sah.
Ein paar Cafés, ein alter Springbrunnen, ein Antiquitätenladen zogen an ihm vorbei, und überall an den Häuserwänden blühten rote, rosafarbene oder weiße Rosen.
Schließlich bemerkte Konrad eine Burg, ein kleines Schloß. Sie fuhren direkt darauf zu. Er erinnerte sich, dass der Drache von einem Schloß gesprochen hatte. Es mußte also seines sein. Es war ein kleines gothisches Burgschloß mit vier Türmen an dem Ecken, die durch vier hohe Mauern verbunden waren. Im ersten Stockwerk gab es keine Fenster, nur Schießscharten. Der Eingang wurde durch ein schweres Rolltor verschlossen, öffnete sich aber als das Auto näher kam.
Der alte Bentley hielt vor dem Schloßeingang an. Der Chauffeur bot an, Konrads Gepäck hinein zu tragen, aber Konrad trug es lieber selbst.
Er betrat das Schloß mit weichen Knien.
Der Chauffeur führte Konrad in die Bibliothek und hieß Konrad an, zu warten. Und da waren sie alle versammelt: alle Bilder von Vincent Van-Gogh, die im Titel „Tarascon“ trugen.
Was für ein Anblick!
Und dann erschien ein Mann, ganz in weiß, mit einer chinesischen Drachenmaske auf dem Gesicht.
Konrad erschrak.
„Wer sind Sie?“ fragte er.


Donnerstag, 22. Dezember 2011

Kapitel 8: Malerische Delikatessen

Als sie das Restaurant betrat sah sie ihn sofort. Er stand auf, ging auf sie zu, half ihr elegant aus dem Mantel, zog den Stuhl für sie zurück, blieb wie eine Schutzmauer vor der allzu lauten Welt hinter ihr stehen, bis sie ganz in Ruhe auf ihrem Stuhl Platz gefunden hatte. Für einen Moment wünsche sie sich, er würde dort einfach stehen bleiben, seine Hände auf ihre Schultern legen und die Zeit anhalten.
Sie öffnete die Augen erst als er ihr gegenüber Platz genommen und ihr ein Glas Wasser eingeschenkt hatte.
„Ich war so frei, schon Wasser und auch eine Flasche trockenen spanischen Rotwein zu bestellen.“
„Perfekt“, sagte sie und genoss dieses Gefühl umsorgt zu werden. Sie sah ihm tief in die Augen, die von einem inneren südamerikanischen Feuer berichteten. „Danke, dass Sie hier bleiben und mir helfen wollen.“
„Ach wissen Sie, wenn man so plötzlich von einem heimlichen Auge zu einem Mordverdächtigen wird, dann weckt das schon eine große Neugier. Außerdem habe ich mich schon immer ein wenig für Kunst interessiert. Die Verbindung von einem Mord, einem van Gogh und der Gesellschaft von Ihnen ist eine unwiderstehliche Kombination.“
Sie musste schmunzeln. Das war doch eine ganze andere Form des Schmeichelns, als Ralfs plumpe Annäherungsversuche.
„Wollen oder können Sie mir nun sagen, was Ihr Auftraggeber mit meinem, nein mit unserem Opfer zu tun hat?“
„Nun, da ich inzwischen das Vertragsverhältnis mit meinem Klienten gelöst habe, sehe ich mich nicht mehr in der Pflicht der Verschwiegenheit. Aus ethischen Gründen werde ich Ihnen den Namen meines Klienten dennoch nicht nennen, aber zumindest die Beweggründe für meinen Auftrag. Mein Klient ist daran interessiert, ein Gemälde von van Gogh zu verkaufen. Kennen sie van Gogh?“
„Den Maler? Das ist doch der mit den Sonnenblumen, der sich irgendwann ein Ohr abgeschnitten hat.“
„Der Wegbereiter der Expressionisten.“ Er stockte einen Moment. Seine Augen wanderten in die Ferne, als würde er sich eines der Bilder von van Gogh vor seinem geistigen Auge vorstellen. In seinen Augen lag plötzlich eine solche Sehnsucht, dass sie ihn am liebsten geküsst hätte. Langsam kam er an den Tisch zurück.
„Nun, van Gogh hat die Malerei sicher wie kaum ein anderer nachhaltig verändert. Zu Lebzeiten noch verkannt und oft bettelarm, ist sein Werk heute eines der bekanntesten und wertvollsten in der Kunstszene. Seine Bilder bringen Höchstpreise. Mein Klient jedenfalls ist im Besitz eines original van Gogh Gemäldes. Der „Maler auf dem Weg nach Tarascon“ ist in den Wirren des Krieges verloren gegangen. Ich weiß nicht, wie mein Klient in den Besitz dieses Bildes gekommen ist, aber da es vermutlich nicht ganz legal war, versucht er nun auf inoffiziellem Wege das Bild zu verkaufen.“
„Auf inoffiziellem Weg?“, fragte sie, obwohl sie kaum zugehört hatte. Seine Stimme und seine Art zu reden, wie er dabei kaum merklich aber doch nachdrücklich den Kopf bewegte, lenkten sie zu sehr ab.
„Nun, wenn er das Bild auf einer öffentlich Auktion anbieten würde, würde er sicher das Doppelte bis Dreifache bekommen, doch dann müsste er auch nachweisen, dass das Bild in seinem rechtmäßigen Besitz ist. Dass er dieser Möglichkeit ausweicht und damit auf drei bis fünf Millionen Dollar verzichtet zeigt mir, dass er das Bild auf einem eher dunklen Kanal erworben hat.“
„Warum will er es denn verkaufen?“
„Ich habe mich selbstverständlich auch über meinen Klienten erkundigt. Er ist ein Lebemann, der es in den letzten Jahren kontinuierlich geschafft hat, das wertvolle Erbe seines Vaters zu vergeuden. Da kommen drei Millionen Dollar gerade recht.“
Die Kellnerin kam. Sie hatte noch nicht einmal in die Karte geschaut.
„Soll ich für uns beide bestellen?“, fragte er vorsichtig und doch nicht ohne einen Hauch von Dominanz.
„Sehr gerne“, sagt sie und lehnte sich zurück.
Er bestellt eine Reihe von Tapas und forderte nun den schon georderten Wein. Sie genoss seine Aufmerksamkeit, seine Umsicht, seine Aura.
„Zurück zu uns“, sagte er, schaute sie direkt an und machte eine lange Pause.
„Zurück zum Fall“, er grinste. „Mein Klient hatte die E-Mail Adresse von Herrn Bock von einem Freund mit dem Hinweis bekommen, dass dahinter ein Vermögender Kunstliebhaber stecken würde. Doch ab hier wird das Ganze etwas mysteriös.“
„Weil unser Herr Bock sich eher das Playmate des Monats an die Wand hängen würde als einen echten van Gogh“, sagt sie und wunderte sich selbst über den Vergleich. Sie Lächeln in den Mundwinkeln gefiel ihr.
„Da ich nicht davon ausgehe, dass die Information des Freundes fehlerhaft war, und Herr Bock wohl kaum selbst der Käufer ist, habe ich verzweifelt versucht herauszufinden, ob Herr Bock nur ein Mittelsmann ist, aber ohne Erfolg.“ Er zögerte. „Warum lächeln Sie?“
„Ich frage mich, was Sie über mich herausfinden würden und ob Sie vielleicht sogar schon damit angefangen haben.“
„Sie wissen doch, ich muss über meine Beobachtungen Stillschweigen wahren.“ Sein verschmitzter Blick mache ihn zwanzig Jahre jünger.
„Wissen Sie übrigens, dass es neben dem Bild ‚Maler auf dem Weg nach Tarascon‘ noch zwei weitere van Gogh Bilder gibt, die nach Tarascon benannt sind?“
„Nein“, sagte sie erstaunt. Erstaunt nicht nur über die Tatsache, sondern über sein Wissen über van Gogh.
„Es gibt noch ein Bild einer Postkutsche, ein Bild einer Eisenbahnbrücke und eine Zeichnung, die wie eine Vorstudie zu dem eigentlich Bild gesehen werden kann.“
„Und nun gibt es sogar noch einen Drachen von Tarascon“ sagte sie und genoss seinen irritierten und interessiert Blick, in dem sicheren Wissen, dass dieses Interesse nicht nur dem Drachen galt.


Sonntag, 18. Dezember 2011

4. Kapitel : Die verräterische Objektivkappe

Gleich zu Anbeginn des nächsten Arbeitstages machte Verena den neuen Verdächtigen, Ari Kelch, in einem günstigen Hotel im Berliner Stadtbezirk Mitte ausfindig. Er hatte dort vor drei Wochen, am Tag seiner Ankunft aus Argentinien, ein Zimmer gemietet und dies auch seither bewohnt. Dieser Umstand machte Verena stutzig. Entweder war Herr Kelch besonders abgebrüht oder aber er fühlte sich auffallend sicher. Warum sonst sollte jemand, der einen Mord begangen hat, sich so leicht finden lassen und nicht die geringsten Anzeichen liefern, seine Spuren verwischen oder flüchten zu wollen? Warum war er immer noch in Berlin und nicht gleich nach der "Tat", sofern er sie begangen hatte, abgereist?
Sie fragte sich, ob es eine gute Idee war, allein zum Hotel zu fahren, hatte aber keine Wahl. Bis Dennis aus dem Urlaub zurückkehrte, musste sie allein zurechtkommen. Kollege Haase unterstützte sie zwar punktuell, gehörte aber eigentlich zum Innendienst und hatte viele andere Aufgaben. Bis auf ihn gab es aufgrund von Personalmangel keine weitere Unterstützung.
Verena ärgerte sich zunehmend, dass sie sich andauernd und allein Gefahren aussetzen musste, weil ihr Partner entweder krank oder im Urlaub war. Sie zündete sich gestresst eine Zigarette an, während sie im Auto saß und durch den Stau navigierte. Es ging so gut wie überhaupt nicht vorwärts.
In der Konsole zwischen Fahrer- und Beifahrersitz lagen Entwöhnungstabletten. ‚Ja, den Gedanken ans Aufhören hatte sie schon gehabt…!’ Verena warf sie wütend beiseite.
"Gott, bin ich sauer", entfuhr es ihr. "Auf Dennis, auf meinen Ex-Mann, auf Pestfliegen wie Ralf oder Frau Zöllner, auf den Stau..., auf mich selbst. Was für ein Dreckstag!"
Im Hotel angekommen, war es zehn Uhr. Sie wies sich an der Hotelrezeption als Kriminalbeamtin aus und lies sich die Zimmernummer von Ari Kelch geben. Dann näherte sie sich mit bestimmten Schritten seiner Zimmertür und klopfte.
"Ja?", ertönte eine freundlich, ältere Männerstimme.
"Verena Mayer-Galotti von der Kriminalpolizei. Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen. Würden Sie bitte die Tür öffnen?", forderte sie in barschem Ton.
"Sofort.", antwortet die Stimme erneut. Als sich das Schloss drehte, wich Verena einen Schritt beiseite. Im Türrahmen erschien ein schlanker, grauhaariger Mann, der sich gerade seine Lesebrille abnahm. Er trug eine schwarze Anzughose und ein beigefarbenes, an den Ärmeln leicht hochgekrempeltes, Hemd. Seine wässrig blauen Augen blickten Verena erwartungsvoll aber ruhig an.
"Sind Sie Herr Ari Kelch?", fragte Verena.
"Der bin ich. Worum geht es denn, wenn ich fragen darf?", erwiderte er in akzentfreiem Deutsch.
"Um eine Mordermittlung und Ihre Spuren am Tatort.", antwortete Verena.
"Oh!", stammelte Ari Kelch. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Aber kommen Sie doch bitte herein."
"Es handelt sich bisher lediglich um eine Befragung.", antwortete Verena und betrat das Hotelzimmer. Ohne ihre Sachen abzulegen, setzte sie sich auf einen Schreibtischstuhl und wartete, bis Ari Kelch auf dem einzigen Sessel des Zimmers Platz genommen hatte. Im Zimmer war es angenehm ruhig. Herr Kelch strahlte Ruhe aus. Sie wurde sich bewusst, dass der Stress und der Ärger, die sie noch vor wenigen Minuten empfand, merklich nachließen. Langsam zog sie zwei Fotos aus der Tasche und gab sie ihm.
"Das erste Foto zeigt die Objektivkappe einer Leica- Kamera, auf der Ihre Fingerabdrücke gefunden wurden. Das zweite Foto zeigt den Ort, an dem die Kappe lag, und zwar vor dem Fenster der Hellersdorfer Strasse 488. In genau dieser Wohnung wohnte ein Mann, der gestern ermordet wurde. Würden Sie bitte bestätigen, dass die Kappe von Ihnen stammt und erklären, was Sie an diesem Ort zu suchen hatten?"
Herr Kelch schien überrascht. Wenn er die Überraschung spielte, hatte er seine Berufung verpasst, nämlich die, Schauspieler zu werden.
"Es stimmt. Dies ist meine Objektivkappe. Ich habe sie schon vermisst. Allerdings habe ich die Kappe schon vor zwei Wochen verloren. Ich bin Fotograf und komme aus Argentinien. Ich bin in Berlin, weil ich an einem Reiseführer über Berlin arbeite. Vor zwei Wochen führte mich mein Weg in den Stadbezirk Hellersdorf, weil ich an der Hauswand der Alice Salomon Hochschule ein Gedicht abfotografieren wollte. Da bin ich etwas im Bezirk herumspaziert und habe auch an anderen Stellen Fotos gemacht. Irgendwo habe ich die Kappe verloren. Aber wie gesagt, an die genaue Stelle erinnere ich mich nicht. Ich habe sie einen Tag später noch mal gesucht aber nicht gefunden."
"Seit wann sind Sie in Deutschland und wie lange gedenken Sie zu bleiben?", fragte Verena.
"Ich bin vor genau drei Wochen, am 04.09., eingereist und bleibe noch weitere drei Tage.", gab Ari Kelch bekannt. Seine Aussage deckte sich mit den Informationen, die Verena bereits vorlagen.
"Haben Sie einen Zeugen, der bestätigen kann, was Sie gerade sagten? Oder haben Sie Fotos, an deren Datum sich ablesen lässt, wann sie gemacht wurden?", frage Verena.
"Leider nein. Meine Kamera ist ein älteres Modell und hält noch kein Datum fest. Ich war allein unterwegs."
"Dann muss ich Sie leider bitten, mit Ihrer Abreise zu warten, bis unsere Untersuchungen abgeschlossen sind. Bis auf weiteres liegt ein Tatbestand der Verdächtigung vor."
"Nehmen Sie mich jetzt etwa fest?" fragte Herr Kelch mit aufgeregter Stimme.
"Nein. Ich möchte nur, dass Sie in der Stadt bleiben.", erwiderte Verena.
Herr Kelch atmete tief durch, erleichtert.
"Ich lasse Ihnen meine Karte da, falls Ihnen noch etwas zu Ihrer Entlastung einfällt. Umgekehrt werde ich mich sofort bei Ihnen melden, wenn sich die Umstände des Falles ändern."
Herr Kelch nickte.
"Ich verstehe.", tat er kund.
Seine Stimme erweckte Sympathie.
"Es tut mir leid für die Umstände. Falls Sie durch den verlängerten Aufenthalt finanzielle Probleme oder Einbußen haben, lassen Sie es mich bitte wissen. Im Falle Ihrer nachgewiesenen Unschuld kümmere ich mich um eine Entschädigung." Verena war über ihren eigenen Vorschlag überrascht, aber noch mehr über ihre Stimme, die nahezu sanft klang.
"Ich bin bereits Rentner und mache den Reiseführer nur zum Spaß. Es macht mir nichts aus, einige weitere Tage hier zu bleiben. Meine Eltern kommen aus Berlin und sind nach dem Krieg, den sie als Juden nur durch ein Wunder überlebten, nach Argentinien ausgewandert. Ich wandle gern auf den Spuren meiner Herkunft."
"Wie haben Ihre Eltern denn überlebt?", fragte Verena mit Interesse.
"Das weiß ich nicht. Sie haben es nie jemandem erzählt. Auch mir nicht. Und jetzt sind sie schon seit einigen Jahren tot."
Verena nickte. Sie fand, dass der Mann, der ihr gegenüber saß, höchstens wie 50 aussah und einen sportlichen, vitalen Eindruck machte. Er sah keineswegs wie ein Rentner von 62 Jahren aus. Seine drahtigen, gepflegten Hände spielten noch immer mit seiner Lesebrille.
Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie weiter fragen sollte, aber zum Gehen war ihr irgendwie nicht zumute. Appetit hatte sie plötzlich. Ari Kelch blickte sie aufmerksam an. Sie senkte ihren Blick, etwas beschämt. Auf dem Schreibtisch lag ein Stapel Fotos, den sie schnell zur Hand nahm und darin umherblätterte, um die peinliche Pause zu überspielen.
"Sind dies die Fotos, die Sie bisher in Berlin gemacht haben?", fragte sie lebhaft.
"Ja.", gab Ari Kelch zurück und sprang plötzlich auf, stürzte hektisch auf den Schreibtisch zu und versuchte, die Fotos an sich zu reißen.
Aber es war zu spät. Verena hatte bereits gefunden, was Ari Kelch verbergen wollte: ein Foto von Randolf Bock in seiner Wohnung in der Hellersdorfer Strasse, fotografiert von außen durchs Fenster.
Verena erhob sich. Ari Kelch fror auf der Stelle ein. Enttäuschung war in Verenas Gesicht geschrieben. Bedauern im Gesicht ihres Gegenübers.
"Ich muss Sie bitten mit auf das Revier zu kommen. Ich nehme Sie hiermit aufgrund des dringenden Tatverdachts, den Mord an Randolf Bock begangen zu haben, fest.", brachte sie hervor und legte Ari Kelch Handschellen an.


Dienstag, 13. Dezember 2011

2. Kapitel: Der Irrtum

Konrad Bessi stand vor seinem Badezimmerspiegel und gab seinem Äußeren den letzten Feinschliff. Etwas Gel in die kurzen hellbraunen Haare, etwas Puder auf die schmale Nase, etwas Kajalstift unter die blauen Augen.
Während er seine schmalen Lippen mit Vanillebalsam betupfte, dachte er darüber nach, wie er nach dem Berliner Zwischenfall weiter vorgehen sollte. Die Sache passte überhaupt nicht in Konrads Pläne. Seine Geldsorgen waren nun noch größer, da er Hans Müller bezahlen musste, und das Bild war immer noch nicht verkauft.
Er rückte seine Fliege zurecht und ging ins Schlafzimmer, um sein Jackett zu holen. Dort hielt er inne und warf einen verärgerten Blick auf das Gemälde über seinem Bett. Es zeigte einen Wanderer mit Strohhut und blauem Arbeitsanzug, der in gleißender Sonne über Feldwege spazierte und nur von seinem eigenen Schatten begleitet wurde.
In der Schlichtheit der japanischen Zimmereinrichtung und des matten Lichtes sah das Bild gar nicht so besonders aus, aber sein Schöpfer und seine Geschichte machten es mindestens acht Millionen Dollar wert, handelte es sich doch um einen echten Vincent Van- Gogh. Das Bild trug den Titel „Maler auf dem Weg nach Tarascon“ und war ein Erbstück seines Großvaters, der es, dies war Konrad bewusst, im Krieg aus dem Magdeburger Schloss gestohlen und illegal mit nach Argentinien genommen hatte.
Eigentlich hatte Konrad das Bild niemals verkaufen wollen. Zu verbunden fühlte er sich mit dem einsamen Wanderer, der auf der Suche nach einer Heimat und nach künstlerischem Erfolg war. Aber Geldprobleme zwangen ihn dazu. Seine Erbschaft neigte sich dem Ende zu, und er lebte auf großem Fuß. Erste Spielschulden hatten sich bereits angehäuft. Das Haus, die Partys, seine Liebhaber – das alles musste und wollte finanziert werden. Sein Vater hatte ihn Zeit seines Lebens zu Dingen gezwungen, die er nicht tun wollte: ein Wirtschaftsstudium und heterosexuelle Beziehungen. Am Tag als sein Vater starb, vor vier Jahren, schwor sich Konrad, dass er in der Zukunft nur noch Dinge tun wollte, die ihm Spaß machten: Theater und Black Jack spielen, Partys feiern und Partner wechseln. Noch hatte niemand Verdacht geschöpft, dass er pleite war, aber es war nur noch eine Frage der Zeit. Wenn er das Bild wenigstens für drei Millionen Dollar auf dem Schwarzmarkt verkaufen könnte, wären all seine Geldprobleme mit einem Schlag gelöst. Der erste Versuch war leider fehlgeschlagen, aber vielleicht tat sich bald eine zweite Chance auf.
Konrad zog sein Jackett an und ergriff die Autoschlüssel. Er schaltete die Alarmanlage des Hauses an und schritt zügig zur Garage, die er kurz darauf in einem weinroten Jaguar verließ.
Seitdem er vor ein paar Jahren zum ersten Mal Deutschland besucht hatte, war er immer noch überrascht, wie sehr seine Strasse den Strassen einer bayrischen Kleinstadt ähnelte. Er war hier in Argentinien, in Bariloche, aufgewachsen und hatte mit seinem Vater immer Deutsch geredet. Aber Besuche in Deutschland gab es nur den einen. Trotz seiner geringen Verbundenheit zu Deutschland, fühlte er sich zu deutsch um argentinisch zu sein und zu argentinisch, um deutsch zu sein. Dies ließ ihn vorwiegend in der Gegenwart leben. Er konnte sich weder mit argentinischer noch mit deutscher Geschichte identifizieren. Ja, es muss einen Grund gegeben haben, warum sein Vater und dessen benachbarte Freunde nach dem Krieg nicht in Deutschland bleiben konnten, und warum ein jeder von ihnen ziemlich wohlhabend war, aber darüber hatte niemand von ihnen jemals ein Wort verloren. Konrad war all dies egal. Besonders das Leiden anderer Menschen war ihm egal, weil er fand, dass er selbst genug gelitten hatte. In der Schule war er wegen seines mädchenhaften Aussehens gehänselt und ausgestoßen worden. Mit 14 hatte er seine Mutter an einen Reitunfall verloren. 
Konrads Freund Martin, der ihm in Jeans und mit nassen Haaren die Tür aufmachte, begrüßte Konrad mit einem Kuss auf die Wange und den Worten:
„Ich habe eine Überraschung für Dich. Du erhältst ein Vorsprechen für die Rolle des Revisors von Gogol. Das ist Deine Chance auf eine Hauptrolle. Nächste Woche Mittwoch, um 11 Uhr, im Theater. Was sagst du? Freust du dich?“
Konrad war verblüfft.
„Was? Heiliger Schwan. Wie hast du denn das gemacht? Das ist großartig!“ Konrad klatschte sich vor Freude in die Hände.
„Für dich tue ich doch alles!“, antwortete Martin schelmig und zupfte Konrad an der Fliege. „Ich habe meine Beziehungen als Bühnenschreiner für dich spielen lassen.“ Er lächelte, dann forderte er Konrad auf:
„Komm mit ins Bad. Ich muss mich noch fertig machen.“
Konrad folgte Martin ins Bad und sah zu, wie sich dieser frisierte. Einen Moment zögerte er, dann sprach er aus, was ihm auf der Seele lag:
„Du sag mal, der Kaufinteressent, den du mir letztens vermittelt hast... wie viel wusstest du von dem? Ich habe ihn kontaktiert, aber wie sich herausstellte, war er nicht am Kauf interessiert.“ Konrad wählte seine Worte mit Bedacht.
„Was?“ Martin wandte seinen Blick Konrad zu und sah ihn mit erstaunten, braunen Augen an. „Das kann nicht sein. Wie ich dir bereits gesagt hatte, habe ich den Namen von einem Freund, der Kunst- Auktionen veranstaltet. Er hatte mir den Namen sehr diskret zugesteckt und nur gesagt, dass es ein deutschsprachiger Kunstsammler aus Südfrankreich sei. In Tarascon lebe er wohl. Daher auch die komische Email-Adresse: drache-von-tarascon@mail.com. Was ist denn passiert? Hast du mit ihm gesprochen?“
„Nun ja...“ erwiderte Konrad vorsichtig, „er wollte den Kauf nicht. Und dummer Weise hatte ich ihm in meiner Mail sensible Daten mitgeliefert, weil ich annahm, er käme aus vertrauenswürdiger Quelle.“
„Oh, das tut mir leid, Konrad. Ich frage meinen Freund noch mal, was er sich dabei gedacht hat, uns diesen Namen zu geben. Das ist ja furchtbar!“
„Nein, frag‘ lieber nicht! Ich möchte nicht, dass die Sache große Wellen schlägt. Lass uns die Sache unter den Teppich kehren. Es ist ja nichts weiter passiert.“
Konrad versuchte bei dem Abendessen, zu dem er Martin eingeladen hatte, lebendig und fröhlich zu wirken. Nur leider war ihm nicht so zumute. Das Fleisch schmeckte trocken, der Wein fade. Zwar ging er nach dem Essen noch für eine Stunde mit zu Martin, aber selbst dieser schmeckte an diesem Abend nicht so gut wie sonst.
Wieder zu Hause angekommen, schlug Konrad seinen Laptop auf und schaute kurz in seine Mails.
Da lag eine Mail in seinem Postfach mit dem Absender: drache_von_tarascon@mail.com. Als er sie öffnete, las er die Worte: „Warum melden Sie sich nicht bei mir? Ich bin immer noch an dem Bild interessiert." Konrad schaute auf die Unterstriche und begriff, dass er beim ersten Mal die falsche Person angeschrieben hatte. Was für ein fataler Irrtum!