Mittwoch, 4. Januar 2012

10. Kapitel: Zusammen oder getrennt?

„Ja, einen Drachen“, sagte er, scheinbar etwas abwesend. „Wissen Sie, Frau Mayer-Galotti, ich glaube, Bock hat gar nichts mit all dem zu tun. Nach dem, was ich von ihm weiß, halte ich ihn schlicht nicht für fähig dazu. Wie auch immer er zu der Mail meines Auftraggebers gekommen ist – es muss ein Zufall gewesen sein.“
„Das ist gut möglich“, meinte Verena. „Aber jetzt ist Bock tot. Und nicht nur er, sondern auch noch eine Zeugin. Ich mache mir schreckliche Vorwürfe deswegen. Wir hätten sie schützen müssen. Ich gehe davon aus, dass wir es mit ein und demselben Mörder zu tun haben. Diese Abfolge ist zu auffällig. Die Frau war ansonsten völlig unbescholten, niemand wäre auf die Idee gekommen, sie umzubringen.“ Außer ich, dachte sie, aber das behielt sie für sich. „Natürlich kann Bock von allen möglichen Leuten umgebracht worden sein. Er war ein Ekel. Wir gehen noch der Spur mit dem Arbeitskollegen von ihm nach, der scheint ihn jedenfalls nicht gemocht zu haben. Aber wissen Sie, warum ich ziemlich sicher bin, dass diese Bildergeschichte dahintersteht?“
„Die tote Zeugin.“
„Genau. Dieser Zusammenhang drängt sich geradezu auf.“
Jetzt schwiegen beide. Verena nippte an ihrem Wein und betrachtete ihr Gegenüber. Mir drängt sich ja noch etwas anderes geradezu auf, dachte sie. Warum muss dieser Mann ausgerechnet in Argentinien wohnen? Wenn mir schon mal jemand gefällt. Bald wird er zurückfliegen und aus meinem Leben verschwinden. Es ist ein Jammer.
„Woran denken Sie?“, fragte Ari Kelch.
„Ach – ich … Ich dachte über den Fall nach“, log Verena.
Ari Kelch schmunzelte, als hätte er ihre Gedanken erraten.
„Wissen Sie, was eigenartig ist?“, sagte er, „mein Auftraggeber wollte jeden Tag einen Bericht per Mail von mir. Und die ersten drei Tage hat er immer sofort darauf geantwortet und mir neue Instruktionen gegeben. Er schien sehr interessiert an Bock zu sein, stellte immer neue Fragen. Schließlich habe ich ihm die Mappe mit allen gesammelten Informationen und Fotos zugeschickt. Eben allerdings ist mir eingefallen, dass er schon ein paar Tage, bevor Bock ermordet wurde, gar nicht mehr auf meine Mails reagiert hat. Und zu der Mappe hat er sich auch nie geäußert. Er schien ganz plötzlich alles Interesse verloren zu haben.“
„Das ist allerdings merkwürdig“, räumte Verena ein.
Wieder versanken beide in Schweigen. Der Kellner kam und erkundigte sich, ob sie noch Wünsche hätten. Spontan schlug Verena einen Spaziergang vor. Sie hatte das Gefühl, gedanklich festzustecken, sich bewegen zu müssen. Ari war einverstanden und verlangte die Rechnung.
„Getrennt oder zusammen?“, fragte der Kellner.
„Getrennt!“, sagte Verena im selben Moment als Ari „Zusammen!“ sagte.
Dank ihres klingelnden Handys wurde Verena einer Diskussion über „getrennt oder zusammen“ entbunden. Es war ihr Kollege, der ihr mitteilte, er hätte soeben mit dieser Table Dancerin Linda gesprochen. Das Alibi von Kamm sei wasserdicht, da sich sogar Lindas Kolleginnen an den Abend und an Kamms Anwesenheit erinnerten.
Als sie das Gespräch beendete, hatte Ari bereits die Rechnung bezahlt. Auf ihren Protest hin hob er die Hand: „Es ist mir eine Ehre, wirklich. Ich würde es auch tatsächlich gern öfter tun, wenn Sie es mir erlaubten.“
Verena war sprachlos.
Sie schlenderten an der Spree entlang, und hier, im Schutz der Dunkelheit, wagte Verena, Ari zu fragen, wie lange er denn vorhätte, noch in Berlin zu bleiben.
„Das kommt darauf an“, entgegnete er.
„Worauf denn?“
„Wie lange Sie mich ertragen, nicht wahr? Erst einmal habe ich Ihnen ja meine Unterstützung für den Fall zugesagt. Das heißt, wenn Sie erlauben, werde ich mindestens so lange bleiben, bis der Fall gelöst ist. Und danach …“, er machte eine bedeutsame Pause, blieb stehen und sah Verena an, „danach würde ich Sie fragen, …“
Verena hielt die Luft an.
Ein schriller Klingelton unterbrach die Stille zwischen ihnen.
„Entschuldigung“, murmelte Verena und nahm ab. „Mayer-Galotti?“
„Hier ist Ralf, ich wollte dir...“
Verena war auf Hundertachtzig. „Sag mal Ralf, was soll das denn! Es ist fast 23 Uhr! Hab ich überhaupt kein Privatleben mehr!?“
„Na dann nicht. Ich wollte dir nur das Neueste zum Fall erzählen. Aber bitte, wenn es dich nicht interessiert, dann erfährst du es eben morgen.“
„Jetzt spiel nicht Kindergarten. Sag schon.“
„Die Kollegen haben den ‚Affen‘ gefunden. Er ist hier. Und heißt tatsächlich Hans Müller. Du glaubst es nicht, er sieht allen Ernstes so aus wie auf dem Phantombild. Und die Waffe haben sie auch. Wurde uns eben reingebracht.“
„Heißt das, du bist immer noch auf Arbeit? Und kannst du mir mal verraten, warum du hier über Dinge redest, die überhaupt nicht in deinen Bereich fallen?“
Ralf räusperte sich. Es war deutlich zu hören, dass er sich bemühte, sich seine Kränkung nicht anmerken zu lassen. „Hör zu Verena. Ich – ich wollte Dir eine Freude machen, ja? Ich dachte -. Das ist doch ein toller Fortschritt, oder? Du kannst ihn morgen verhören! Sag mal, was hältst du davon, wenn wir uns treffen? Ich mache Feierabend und hole dich irgendwo ab? Ich könnte dich zum Essen einladen.“
Verena wäre fast explodiert. „Danke für die Info! Und: nein, halte ich nichts von. Bitte, gib es auf, Ralf, ja?“
„Aber -“
Sie legte auf.
Ari schmunzelte. „Ein Verehrer?“
Und als Verena, die noch damit zu tun hatte, ihren Ärger abzuschütteln, nicht antwortete, setzte er hinzu: „Ich kann ihn verstehen.“
Verena war so nervös, dass sie einfach weiterging. „Es gibt etwas Neues“, sagte sie. „Sie haben den Mann, der die Waffe gekauft hat.“
„Großartig! – Sagen Sie einmal, um auf Ihre Bemerkung am Telefon zurückzukommen: arbeiten Sie eigentlich immer vierundzwanzig Stunden täglich?“
„Gegenfrage“, konterte Verena. „Was würden Sie mich fragen, wenn der Fall gelöst ist?“   


Dienstag, 3. Januar 2012

Kapitel 9: Der Besuch beim Drachen

Das Vorsprechen im Theater für die Rolle des Revisors lief miserabel.
„Sie müssen mehr Witz in Ihre Rolle bringen, sonst wird das Stück langweilig!“, forderte der Regisseur Konrad auf.
Konrad gab sich Mühe, aber er war nicht witzig, und er fühlte sich auch nicht so.
Als er das Theater nach dem Vorsprechen verließ, wußte er, dass er die Rolle nicht bekommen würde.
Er war enttäuscht, schob die Enttäuschung aber von sich:
‚Vielleicht ist es besser so. Ich habe den Kopf sowieso gerade mit wichtigeren Dingen voll. Hoffentlich ist das Geld da!‘, sagte er zu sich selbst.
Langsam lief er zur Western Union Bank. Wenn alles gut ging, lag dort eine Menge Geld für ihn bereit. Der „Drache von Tarascon“ hatte es ihm einen Tag zuvor telefonisch versprochen.
Konrad hatte ihn angerufen und dieses Mal ganz augenscheinlich den richtigen Kaufinteressenten kontaktiert.
„Qui?“ hatte dieser mit einer alten Raucherstimme in den Hörer gesprochen.
„Bessi hier,“ hatte Konrad geantwortet. „Sie haben mich wegen des Bildes kontaktiert.“
„Warum melden Sie sich erst jetzt?“ frage die Raucherstimme am anderen Ende.
„Ich habe mich bei der ersten Kontaktaufnahme in der E-Mailadresse geirrt. Es war ein Versehen.“
„Ich verstehe,“ antwortete der Alte zögerlich.
„Wie darf ich Sie nennen? Verraten Sie mir Ihren Namen?“, fragte Konrad.
„Nennen Sie mich ruhig Herr Drache. Ich möchte gern anonym bleiben.“
„Nun gut, Herr Drache. Mir ist zwar unbehaglich dabei, da Sie meinen vollen Namen kennen, aber ich akzeptiere Ihren Wunsch.“
„Ich möchte mir das Bild gern ansehen, bevor ich es kaufe. Wie wäre es, wenn ich Sie besuche?“
„Wie bitte? Nein, das geht auf gar keinen Fall!“, lehnte Konrad ab. „Sie kennen meinen Namen, und jetzt soll ich Ihnen auch noch meine Adresse geben, ohne etwas über Sie zu wissen? Sie könnten von Interpol sein und mir beim Öffnen der Tür Handschellen anlegen. Sie könnten auch ein Raubmörder sein und mich in meinem eigenen Haus umbringen und das Bild stehlen! Das Risiko kann ich nicht eingehen!“
„Denken Sie nicht, dass ich schon längst getan hätte, wovor Sie Angst haben, wenn ich von Interpol oder ein Raubmörder wäre? Wissen Sie nicht, dass ich schon längst weiß, wo Sie wohnen?“
Konrad überkam ein kalter Schauer. Ihm war unwohl zumute. Er konnte hören, wie der Drache einen Zigarettenzug inhalierte und ausatmete.
„Nun gut,“ sagte der Drache langsam. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich überweise Ihnen morgen eine Million Dollar per Western Union. Das Passwort zur Abholung ist ‚Drache von Tarascon‘.  Sobald Sie das Geld bekommen haben, buchen Sie einen Flug nach Tarascon. Sie verpacken das Bild als Sportgerät und geben es als solches am Schalter für Spezialgepäck auf. Gehen Sie in einen Sportausstatter und suchen Sie sich etwas, womit man Snowboards oder Schlitten transportiert. Sie werden schon etwas finden. Oder geben Sie das Bild als Musikinstrument auf und besorgen Sie sich einen Keyboard-Kasten. Am Flughafen werde ich Sie abholen und in mein Schloß bringen. Wenn Ihr Produkt in Ordnung ist, überweise ich Ihnen den Rest des Geldes in Ihrer Anwesenheit und Sie fliegen ohne Bild zurück.“
„Ich werde meinem Freund bescheid sagen, dass er die Polizei rufen soll, wenn ich nach drei Tagen nicht zurück bin!“, antwortete Konrad. Er überlegte verzweifelt, wo der Haken an dem Plan des Drachen sein könnte, an welcher Stelle, der Drache ihn überrumpeln könnte. Aber ihm fiel nichts ein, und die Drohung war das einzige, was ihm zur eigenen Absicherung in den Sinn kam.
„In Ordnung.“, antwortete der Drache und legte auf.
Das Geld war tatsächlich überwiesen.
Der Mann am Schalter erfragte das Passwort und zog sich, nachdem Konrad es ausgesprochen hatte, für einen Moment in die hinteren Räume zurück. Dann kam er wieder und bat um etwas Geduld. Eine Stunde später verließ Konrad mit der kompletten Auszahlung die Bank. Es war unglaublich, aber es funktionierte.
Zuhause angekommen, buchte er einen Flug nach Tarascon. Dann teilte er das Geld durch vier und brachte jeweils eine viertel Million auf zwei verschiedene Konten, packte ein Viertel in seinen eigenen Safe und brachte das verbleibende Viertel zu Martin.
„Martin, ich will, dass Du dieses Geld bei Dir unterbringst. Wenn mir etwas passiert, gehört es Dir. Wenn ich in drei Tagen nicht zurück bin, kontaktiere die Polizei, hörst Du?“
Er ließ Martin, der ein erstauntes Gesicht machte, nicht weiter zu Wort kommen.
„Ich hab’s eilig. Versprichst Du mir, worum ich Dich bitte?“
„Ja“, stammelte Martin nur, bevor Konrad davoneilte. „Ich muss das Bild verpacken und noch ein paar Besorgungen machen“, entschuldigte sich Konrad und blies Martin einen Abschiedskuss zu.

Die Verpackung des Bildes war ein Akt, aber dank der Ratschläge des Drachen, wußte Konrad, wonach er suchen musste. Er fand schließlich einen Schalenbehälter für eine Ski- oder Snowbord-Ausrüstung, der groß genug war, um das Bild darin zu verstauen.
Das Personal am Flugschalter stellte weniger Fragen als gedacht. Sportgepäck wurde ohne viel Aufhebens als zweites Gepäckstück entgegen genommen.
Auf dem Flug versuchte Konrad seine Nervosität in Beck‘s Bier zu ertränken. Der Gedanke daran, dass sein millionenschweres Bild unversichert als Sportgepäck im Cargobereich mitflog, ließ seinen Adrenalinpegel steigen. Und ihm war mulmig zumute, was den Handel anging.
Immer wenn er seine Augen schloss, hörte er das Inhalieren des Zigarettenrauchs am Telefon.
Schließlich landete der Flieger in Toulouse, und eine Stunde später brachte ihn ein kleineres Flugzeug sicher nach Tarascon.
Am Flughafen wurde Konrad von einem Chauffeur erwartet. Dieser trug ein Schild mit Konrads Namen drauf, damit Konrad auf ihn aufmerksam wurde.
„Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?“, fragte der Chauffeur höflich.
Konrad nickte müde. Auf dem Gepäckwagen vor ihm lagen ein kleiner Koffer-Rolli und eine große Sportausrüstung.
Der Chauffeur fuhr durch eine kleine Stadt mit verfallenen Häusern und Kletterrosen, die an ihnen emporrankten. Konrad war so von den Rosen in den Bann gezogen, dass er außer ihnen nichts anderes sah.
Ein paar Cafés, ein alter Springbrunnen, ein Antiquitätenladen zogen an ihm vorbei, und überall an den Häuserwänden blühten rote, rosafarbene oder weiße Rosen.
Schließlich bemerkte Konrad eine Burg, ein kleines Schloß. Sie fuhren direkt darauf zu. Er erinnerte sich, dass der Drache von einem Schloß gesprochen hatte. Es mußte also seines sein. Es war ein kleines gothisches Burgschloß mit vier Türmen an dem Ecken, die durch vier hohe Mauern verbunden waren. Im ersten Stockwerk gab es keine Fenster, nur Schießscharten. Der Eingang wurde durch ein schweres Rolltor verschlossen, öffnete sich aber als das Auto näher kam.
Der alte Bentley hielt vor dem Schloßeingang an. Der Chauffeur bot an, Konrads Gepäck hinein zu tragen, aber Konrad trug es lieber selbst.
Er betrat das Schloß mit weichen Knien.
Der Chauffeur führte Konrad in die Bibliothek und hieß Konrad an, zu warten. Und da waren sie alle versammelt: alle Bilder von Vincent Van-Gogh, die im Titel „Tarascon“ trugen.
Was für ein Anblick!
Und dann erschien ein Mann, ganz in weiß, mit einer chinesischen Drachenmaske auf dem Gesicht.
Konrad erschrak.
„Wer sind Sie?“ fragte er.


Donnerstag, 22. Dezember 2011

Kapitel 8: Malerische Delikatessen

Als sie das Restaurant betrat sah sie ihn sofort. Er stand auf, ging auf sie zu, half ihr elegant aus dem Mantel, zog den Stuhl für sie zurück, blieb wie eine Schutzmauer vor der allzu lauten Welt hinter ihr stehen, bis sie ganz in Ruhe auf ihrem Stuhl Platz gefunden hatte. Für einen Moment wünsche sie sich, er würde dort einfach stehen bleiben, seine Hände auf ihre Schultern legen und die Zeit anhalten.
Sie öffnete die Augen erst als er ihr gegenüber Platz genommen und ihr ein Glas Wasser eingeschenkt hatte.
„Ich war so frei, schon Wasser und auch eine Flasche trockenen spanischen Rotwein zu bestellen.“
„Perfekt“, sagte sie und genoss dieses Gefühl umsorgt zu werden. Sie sah ihm tief in die Augen, die von einem inneren südamerikanischen Feuer berichteten. „Danke, dass Sie hier bleiben und mir helfen wollen.“
„Ach wissen Sie, wenn man so plötzlich von einem heimlichen Auge zu einem Mordverdächtigen wird, dann weckt das schon eine große Neugier. Außerdem habe ich mich schon immer ein wenig für Kunst interessiert. Die Verbindung von einem Mord, einem van Gogh und der Gesellschaft von Ihnen ist eine unwiderstehliche Kombination.“
Sie musste schmunzeln. Das war doch eine ganze andere Form des Schmeichelns, als Ralfs plumpe Annäherungsversuche.
„Wollen oder können Sie mir nun sagen, was Ihr Auftraggeber mit meinem, nein mit unserem Opfer zu tun hat?“
„Nun, da ich inzwischen das Vertragsverhältnis mit meinem Klienten gelöst habe, sehe ich mich nicht mehr in der Pflicht der Verschwiegenheit. Aus ethischen Gründen werde ich Ihnen den Namen meines Klienten dennoch nicht nennen, aber zumindest die Beweggründe für meinen Auftrag. Mein Klient ist daran interessiert, ein Gemälde von van Gogh zu verkaufen. Kennen sie van Gogh?“
„Den Maler? Das ist doch der mit den Sonnenblumen, der sich irgendwann ein Ohr abgeschnitten hat.“
„Der Wegbereiter der Expressionisten.“ Er stockte einen Moment. Seine Augen wanderten in die Ferne, als würde er sich eines der Bilder von van Gogh vor seinem geistigen Auge vorstellen. In seinen Augen lag plötzlich eine solche Sehnsucht, dass sie ihn am liebsten geküsst hätte. Langsam kam er an den Tisch zurück.
„Nun, van Gogh hat die Malerei sicher wie kaum ein anderer nachhaltig verändert. Zu Lebzeiten noch verkannt und oft bettelarm, ist sein Werk heute eines der bekanntesten und wertvollsten in der Kunstszene. Seine Bilder bringen Höchstpreise. Mein Klient jedenfalls ist im Besitz eines original van Gogh Gemäldes. Der „Maler auf dem Weg nach Tarascon“ ist in den Wirren des Krieges verloren gegangen. Ich weiß nicht, wie mein Klient in den Besitz dieses Bildes gekommen ist, aber da es vermutlich nicht ganz legal war, versucht er nun auf inoffiziellem Wege das Bild zu verkaufen.“
„Auf inoffiziellem Weg?“, fragte sie, obwohl sie kaum zugehört hatte. Seine Stimme und seine Art zu reden, wie er dabei kaum merklich aber doch nachdrücklich den Kopf bewegte, lenkten sie zu sehr ab.
„Nun, wenn er das Bild auf einer öffentlich Auktion anbieten würde, würde er sicher das Doppelte bis Dreifache bekommen, doch dann müsste er auch nachweisen, dass das Bild in seinem rechtmäßigen Besitz ist. Dass er dieser Möglichkeit ausweicht und damit auf drei bis fünf Millionen Dollar verzichtet zeigt mir, dass er das Bild auf einem eher dunklen Kanal erworben hat.“
„Warum will er es denn verkaufen?“
„Ich habe mich selbstverständlich auch über meinen Klienten erkundigt. Er ist ein Lebemann, der es in den letzten Jahren kontinuierlich geschafft hat, das wertvolle Erbe seines Vaters zu vergeuden. Da kommen drei Millionen Dollar gerade recht.“
Die Kellnerin kam. Sie hatte noch nicht einmal in die Karte geschaut.
„Soll ich für uns beide bestellen?“, fragte er vorsichtig und doch nicht ohne einen Hauch von Dominanz.
„Sehr gerne“, sagt sie und lehnte sich zurück.
Er bestellt eine Reihe von Tapas und forderte nun den schon georderten Wein. Sie genoss seine Aufmerksamkeit, seine Umsicht, seine Aura.
„Zurück zu uns“, sagte er, schaute sie direkt an und machte eine lange Pause.
„Zurück zum Fall“, er grinste. „Mein Klient hatte die E-Mail Adresse von Herrn Bock von einem Freund mit dem Hinweis bekommen, dass dahinter ein Vermögender Kunstliebhaber stecken würde. Doch ab hier wird das Ganze etwas mysteriös.“
„Weil unser Herr Bock sich eher das Playmate des Monats an die Wand hängen würde als einen echten van Gogh“, sagt sie und wunderte sich selbst über den Vergleich. Sie Lächeln in den Mundwinkeln gefiel ihr.
„Da ich nicht davon ausgehe, dass die Information des Freundes fehlerhaft war, und Herr Bock wohl kaum selbst der Käufer ist, habe ich verzweifelt versucht herauszufinden, ob Herr Bock nur ein Mittelsmann ist, aber ohne Erfolg.“ Er zögerte. „Warum lächeln Sie?“
„Ich frage mich, was Sie über mich herausfinden würden und ob Sie vielleicht sogar schon damit angefangen haben.“
„Sie wissen doch, ich muss über meine Beobachtungen Stillschweigen wahren.“ Sein verschmitzter Blick mache ihn zwanzig Jahre jünger.
„Wissen Sie übrigens, dass es neben dem Bild ‚Maler auf dem Weg nach Tarascon‘ noch zwei weitere van Gogh Bilder gibt, die nach Tarascon benannt sind?“
„Nein“, sagte sie erstaunt. Erstaunt nicht nur über die Tatsache, sondern über sein Wissen über van Gogh.
„Es gibt noch ein Bild einer Postkutsche, ein Bild einer Eisenbahnbrücke und eine Zeichnung, die wie eine Vorstudie zu dem eigentlich Bild gesehen werden kann.“
„Und nun gibt es sogar noch einen Drachen von Tarascon“ sagte sie und genoss seinen irritierten und interessiert Blick, in dem sicheren Wissen, dass dieses Interesse nicht nur dem Drachen galt.


Mittwoch, 21. Dezember 2011

7. Kapitel: Alte und neue Partner

Ari Kelch hatte viel Zeit zum Nachdenken als er in Untersuchungshaft saß. Schließlich bat er darum, ein Telefongespräch nach Argentinien führen zu dürfen. Das Telefonat wurde ihm bewilligt.
Er tippte die Nummer ins Telefon und lauschte dem Klingelton.
„Bessi“, ertönte es auf der anderen Seite.
„Kelch hier“, antwortete Ari.
„Hatten wir nicht ausgemacht, dass Sie mich niemals zu Hause anrufen?“
„Es ist ein Ausnahmefall. Ich sitze in Berlin in Untersuchungshaft und werde des Mordes an Randolf Bock beschuldigt.“
Am anderen Ende war es still.
Dann antworte Konrad Bessi in überraschtem Ton:
„Randolf Bock wurde umgebracht?“
„Ja. Ich war es aber nicht. Sie gaben mir den Auftrag, ihn auszuforschen und eine Akte über ihn zu erstellen, und genau das habe ich getan. Mehr nicht.“
„Nun,“ antwortete Bessi zögerlich, „ich weiß nicht, was Sie getan haben und was nicht. Ich weiß nur, dass ich Ihnen lediglich den Auftrag gab, Randolf Bock zu überprüfen. Mehr nicht. Aber Sie sind sich schon im Klaren darüber, dass der Auftrag geheim war und Sie nicht darüber sprechen dürfen, oder?“
„Genau deshalb rufe ich Sie an,“ antwortete Ari Kelch. „Die Umstände haben sich geändert. Um meine Unschuld zu beweisen, muss ich mit der Polizei in Deutschland kooperieren und die Sache offen legen. Ich teile Ihnen hiermit mit, dass ich kein Geld für den Auftrag annehmen werde und unser Vertragsverhältnis kündige.“
Konrad Bessi überlegte kurz. Dann erwiderte er:
„In Ordnung. Aber denken Sie nicht, dass ich Ihnen helfen werde. Schließlich weiß ich nicht, ob Sie den Mord begangen haben oder nicht. Und ich werde Ihre Akte vernichten und unsere Vertragsbeziehung leugnen, wenn mich jemand danach fragt. Ich möchte nichts mit dem Mord zu tun haben.“
„Ich verstehe. Dann ist ab jetzt jeder auf sich gestellt. Jeder wird versuchen, seine eigene Unschuld zu beweisen. Uns verbindet nichts mehr.“
„Genauso ist es.“, antwortete Konrad Bessi. Dann fügte er abrupt hinzu: „Hat mich gefreut“ und legte den Hörer auf.
  
Gerade als Ari Kelch den Hörer auflegte, kam ein Vollzugsbeamter auf ihn zu und forderte ihn auf, seine Sachen zu packen.
„Werde ich verlegt?“, fragte Ari.
„Nein, entlassen. Frau Mayer-Galotti erwartet sie draußen.“, gab der Beamte zurück.
Ari Kelch schaute überrascht, packte aber eilig seine Sachen und folgte dem Beamten zum Ausgang.
Nachdem die Formalien erledigt waren und Ari seine Papiere zurück erhalten hatte, kam Verena Mayer-Galotti auf ihn zu, begrüßte ihn und sagte:
„Es tut mir leid für die Unannehmlichkeiten. Es hat einen weiteren Mord gegeben, als Sie in Untersuchungshaft saßen. Die Zeugin Magdalena Zöllner wurde umgebracht. Wir gehen davon aus, dass es sich um den selben Mörder handelt, der auch Randolf Bock ermordet hat und dass der Mörder Frau Zöllner aus dem Weg räumen wollte, weil sie ihn erkannt hat oder weil sie ihm auf eigene Faust hinterher geschnüffelt hat. Sie sind somit entlastet.“    
Ari Kelch lächelte schwach.
„Das trifft sich gut,“ sagte er dann. „Ich wollte sowieso mit Ihnen reden. Ab jetzt werde ich mit Ihnen kooperieren. Sie hatten Recht und es gab zwischen mir und dem Argentinier Konrad Bessi eine Verbindung. Er gab mir den Auftrag, Randolf Bock auszukundschaften und eine Akte über ihn zu erstellen. Das habe ich auch getan. Dabei habe ich die Objektivkappe verloren. Aber von Mord war niemals die Rede.“
„Das heißt, Sie bleiben noch, um mir zu helfen?“
„Ich bleibe in Berlin und helfe Ihnen, den Fall aufzuklären.“
„Das trifft sich gut,“ erwiderte Verena und spiegelte das schwache Lächeln von Ari zurück. „Mein Partner hat sich nämlich gleich nachdem er aus dem Urlaub kam, krank gemeldet. “    


Dienstag, 20. Dezember 2011

6. Kapitel: Die verräterische Waffe

Entsprechend Verenas Erwartung ging die Suche nach Hans Müller nur schleppend vorwärts, da es 8785 Namenstreffer in Deutschland gab, und keiner der wenigen Namensträger im Vorstrafenregister passte auf das Phantombild. 
„Mist“, fluchte Verena. „Das wäre auch zu einfach gewesen .“
Vielleicht war Hans Müller auch nur ein Deckname?

Ein schrilles Telefonklingeln riss Verena aus ihren Gedankengängen. Auf dem Display erkannte die Nummer vom Einsatzteam der Schutzpolizei.
„Was gibt's!?“
„Frau Mayer-Galotti, wir habe noch eine Leiche, nur ein paar Meter weiter entfernt von letzten Fundort. Spandauer Brücke 12!“
„Number 12?“ Es ratterte in Verena Hirn. Es war doch das Haus, in dem...
„Die Ermordete heißt Magdalena Zöller. Sie wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden mit einer Schussverletzung.“
Verena schloss die Augen und versuchte, tief durchzuatmen.
„Okay, ich bin in einer viertel Stunde da“, sagte sie dann.

Am Tatort angelangt, traf sie wieder auf Ralf von der Spusi.
„Ah, Frau Kollegin, haben Sie Sehnsucht nach mir gehabt?“, witzelte er.
„Ganz genau, Ralf, ich hab‘s ohne deine Nähe einfach nicht ausgehalten“, erwiderte Verena mit leicht genervtem Tonfall. Wie weit seid ihr denn mit der Spurensicherung?“
„Sie muss aus nächster Nähe erschossen worden sein, wahrscheinlich mit einem Revolver.“
„Irgendwelche Anzeichen, die auf einen Raubmord schließen lassen?“
„Nichts, wir haben ein paar Goldmünzen im Schrank und knapp 100 Euro in ihrem Portemonnaie gefunden. Das sieht nicht danach aus, als ob der Mörder auf ihre kleine Rente erpicht gewesen wäre.“
„Sonst etwas Auffälliges?“
„Nichts, auch das Türschloss ist unversehrt. Interessant war zunächst nur das hier.“
Ralf wies auf ein Opernglas, das griffbereit auf der Wohnzimmercouch lag.
Verena starrte darauf.
„Wieso zunächst?“
„Weil wir in Frau Zöllners Schublade in der Küche eine etwa zwei Monate alte Rechnung über das Opernglas gefunden haben. Teures Ding! Und es sieht nicht danach aus, als habe der Mörder es hier vergessen.“
„Darf ich mal?“, fragte Verena und zog sich Gummihandschuhe über. Dann fischte sie das Glas aus der Plastikhülle der Spusi und ging damit auf den Balkon. Sie setzte das Glas an ihr Gesicht und nahm damit das Hotel gegenüber ins Visier.
„Meine Herren“, sagte sie staunend, während sie ein Zimmermädchen beobachtete, das gerade ein Hotelbett herrichtete. „Na, damit hätte ich auch ein Phantombild des Mörders erstellen können. Da hat unsere gute Frau Zöllner ja doch die Wahrheit gesagt.“
Verena machte sich plötzlich Vorwürfe. Sie hatte Frau Zöllner nicht ernst nehmen wollen, hatte nicht geglaubt, dass die „Quatschtante“, die sie in ihren Augen war, etwas Nützliches zu dem Fall beitragen konnte.
Aber nun erschien plötzlich alles in einem anderen Licht. Frau Zöllner hätte Schutz gebraucht und nicht abgewimmelt werden dürfen.
Verena fühlte sich fürchterlich.
Als sie spät abends wieder auf dem Revier ankam, ging sie langsam zur Pinnwand und riss den Namen „Zöllner“ ab.
In ihrer Trauer stieg plötzlich ein tröstender Gedanke in ihr hoch: Ari Kelch konnte nicht der Mörder sein. Er saß in Untersuchungshaft.  

Am nächsten Morgen erhielt Verena einen Anruf von der Gerichtsmedizin. Am Ende der Leitung meldete sich Sven Schwenker.
"Frau Galotti, wir haben jetzt den Waffentypus identifiziert, mit dem die ältere Dame erschossen wurde."
Verena stöhnte. "Ich heiße nicht Galotti, sondern M a y e r-Galotti!"
"Ach, ich dachte, du hättest Giannis Namen angenommen."
"No, Signore, no. Aber schieß los Sven!"  
"Wir haben es mit einem halbautomatischen Handrevolver zu tun, 45er Kaliber."
"45er Kugeln?", fragte Verena, während etwas in ihr zu rattern begann.
"Ja, eine Kimber 45! Aber was ist denn jetzt mit dem Gianni? Man hört da so Gerüchte..."
"Was?", schrie Verena fast. "Seid ihr sicher?"
"Aber ja doch. Nun regt dich doch nicht so auf, ich hatte eben so verschiedene Sachen gehört. Seid ihr tatsächlich getrennt?" 
"Geschieden", entgegnete Verena trocken. "Aber das mit der Kimber 45 ist doch ein Ding. Genau diese Waffe hat der mutmaßliche Hans Müller erst kürzlich erworben. Und dann findet direkt gegenüber vom Tatort ein zweiter Mord statt. Soll das ein Zufall sein?"
"Das ist allerdings erstaunlich", gab Sven zu. "Aber wer macht denn so etwas Offensichtliches?"
"Vielleicht wollte der Mörder ein Zeichen setzen. Vielleicht ist das seine Art mit uns zu kommunizieren. Ich hoffe nur, dass es nicht weitere Morde gibt. Das müssen wir unbedingt verhindern."


Montag, 19. Dezember 2011

5. Kapitel: Das Gesicht des Affen

Ari Kelch starrte auf die Handschellen. „Bitte“, murmelte er, „ist das nötig? Ich folge Ihnen auch so, Frau Mayer-Galotti. – Außerdem würde ich gern ein paar persönliche Dinge mitnehmen. Wenn das erlaubt ist. Ich weiß ja nicht, wie lange es dauert.“
Verena war derart verblüfft von seiner Höflichkeit, dass sie fast schwach geworden wäre. Als könne jemand, der sich ihren Namen nach einmaligem Hören korrekt merkte, kein Mörder sein. Sie rief sich innerlich zur Ordnung. „Tut mir leid, Herr Kelch. Sagen Sie, was Sie mitnehmen wollen, ich packe es ein.“
Auch das war nicht korrekt, das wusste sie.
Er streckte seine Hände aus und hielt ihr die Lesebrille entgegen. „Wenn Sie die bitte ins Etui …“
Dann packte sie noch seine Zahnbürste, eine Strickjacke und ein Buch vom Nachttisch ein. Als sie den Titel las, schluckte sie. Es war „Humanismus als reale Utopie“ von Erich Fromm. Dasselbe Buch hatte sie gerade von einer Freundin ausgeborgt. Es lag zu Hause auf ihrem Nachttisch. Quasi als Gegengewicht zu ihrer Arbeit las sie abends immer ein paar Seiten darin. Ja, konnte denn ein Mensch, der so etwas las … nein, sie würde sich jetzt nicht beirren lassen. Die Verdachtsmomente waren alarmierend genug.
Verena übergab Ari Kelch an einen eintreffenden Streifenwagen und wie die Beamten an, ihn auf's Revier zu bringen und dort zu verwahren, bis sie eintraf, um ihn zu vernehmen.
Eigentlich hätte sie dem Streifenwagen unmittelbar folgen sollen, zumindest gingen die Beamten davon aus, fühlte sich aber außerstande dazu. Sie war viel zu durcheinander. In diesem Zustand konnte sie kein sachliches Verhör führen.
Sie setzte sich ins Auto, zog sofort die Schachtel aus der Tasche und sog gierig den Rauch ein. Dabei guckte sie geistesabwesend aus dem Fenster und überlegte. Ari Kelch musste schuldig sein. Oder? Was machten sonst die Fotos des Opfers in seiner Wohnung? Und er war bei dessen Wohnung gewesen, das konnte er nicht leugnen. Warum hatte der Mann sie angelogen? Er musste zumindest etwas wissen. Und warum, verdammt noch mal, war er ihr so unglaublich sympathisch? Verliebte sie sich jetzt schon in Mörder? War sie verrückt geworden?
Vielleicht würde eine zusätzliche Recherche in der Nachbarschaft doch noch andere Hinweise ergeben und vor allem zu der unbekannten Freundin führen.  Vielleicht gab es etwas, das Kollege Haase übersehen hatte? Ari Kelch konnte und durfte nicht verdächtig bleiben...
Verena fuhr los. Unterwegs rief sie ihren Kollegen Haase an und trug ihm auf, sofort noch einmal bei Paul Kamm vorbei zu fahren und ihn bezüglich seines Aufenthaltsortes zur Tatzeit zu befragen. Sollte er ein Alibi haben, müsse Haase das Alibi auf Herz und Nieren prüfen.
Wie in Trance fuhr sie zur Hellersdorfer Strasse 488, stieg aus, klingelte an den Wohnungstüren der Nachbarn des Opfers und befragte die, die am hellerlichteten Tag zu Hause waren. Viele Nachbarn verhehlten ihre Erleichterung über Randolf Bocks Tod nicht, auch wenn keiner von ihnen spontan eines Mordmotives überführt werden konnte. Eine junge Frau gab es, drei Häuser weiter, die unglaublich hasserfüllt über Bock redete. Sie hatte zwei kleine Kinder, vier und sechs Jahre. Der Sechsjährige war gerade kürzlich bei einer Motorradattacke dieses Bock gestürzt. Er war schreiend und blutend nach Hause gelaufen, doch die Verletzung hatte sich lediglich als aufgeschürftes Knie herausgestellt. Diese Frau machte deutlich, dass sie ihm ein anständiges Höllenfeuer wünsche. Und dass sie sich freue, ihre Kinder nun endlich wieder ohne Angst nach draußen zum Spielen schicken zu können. Aber das war alles kein Grund … Was Verena absolut mysteriös vorkam, war, dass keiner der Nachbarn Bock jemals in Begleitung einer Frau gesehen haben wollte. Dass er eine Freundin hatte, war niemandem bekannt.  
Verena seufzte. Nach fünf Stunden gab sie ermüdet auf. Während der Befragungen war ihr viel durch den Kopf gegangen. Aber die schwierigste Aufgabe des Tages, das wußte sie, stand ihr noch bevor - auf dem Revier. 
Kollege Haase kam ihr sofort entgegen als sie zur Tür herein kam.
„Paul Kamm sagt, er wäre zur Tatzeit in einer Tabledance- Bar gewesen,“ stieß er hervor. „Bevor ich dorthin fahre, um zu prüfen, ob das jemand bestätigen kann, wollte ich dich erst mal fragen, ob du mitkommen willst.“
„Ach interessant,“ gab Verena zu.
„Und weißt du, was noch interessant ist? Kamm hat wider erwartend ein bisschen von Randolf Bock’s Freundin geplaudert.“
„Von der ich bezweifle, dass es sie wirklich gibt...“, entgegnete Verena.
„Nun ja, es handelt sich in der Tat um keine richtige Freundin. Sie ist eine Tänzerin in der selben Tabledance- Bar, die für Kamms Alibi herhalten muss. Früher waren die Beiden öfter gemeinsam dort. Dann verliebten sie sich in die selbe Tänzerin. Kamm kennt nur ihren Vornamen und der scheint ein Pseudonym zu sein: Linda. Offenbar war diese Linda Randolf Bock zugetan und hat sich  außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten mit ihm getroffen. Kamm war deshalb eifersüchtig. Zumindest ist das seine Version der Dinge.“
„Könnte ich Dich darum bitten, diese Linda sofort zu suchen?“, fragte Verena. Ich weiß, es ist nicht deine Aufgabe. Aber ich muss jetzt Ari Kelch verhören und habe keine Zeit. Ich habe Bocks Freundin schon den ganzen Tag gesucht.“
Als Kollege Haase erfuhr, dass sie noch mal in Hellersdorf gewesen war, blickte er sie enttäuscht an. Seinen Blick verstand sie wohl. Schließlich hatte er schon das ganze Umfeld abgeklappert. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie es hatte machen müssen, weil sie verzweifelt nach einer Entlastung für Ari Kelch suchte? Weil sie hoffte, zusätzliche Anhaltspunkte zu gewinnen, indem sie versuchte, sich in die Atmosphäre dieser merkwürdigen Wohngegend einzufühlen und dem Opfer auf diese Weise näher zu kommen? Die großen, weiten Straßen dort draußen, durch die der Herbstwind ungehindert mit seiner ganzen Wucht fegte und in denen man innerhalb kürzester Zeit bis auf die Knochen durchgefroren war … Der gigantische Himmel dagegen, der ihr gut getan hatte, den man in der Innenstadt niemals so sah … Die von außen so farbenfroh sanierten Plattenbauten, in denen sie, kaum dass sie das Treppenhaus betreten, Luftnot bekommen hatte, weil in ihnen genau die Enge und menschenverachtende Hässlichkeit wohnte wie in der Schule und im Haus ihrer Kindheit …  Sie musste an ihre Eltern denken, an die Zeit, als sie in den Neubau gezogen waren nach dem Wohnungsbauprogramm der Siebziger. Wie stolz ihre Mutter gewesen war! Ein Bad! Eine Zentralheizung! Keine Kohlen mehr schleppen, kein Außenklo mehr, und sogar ein Fahrstuhl! Verena dagegen hatte die Wohnung im Altbau geliebt, die hohen Decken, den Stuck und die Kachelöfen. Und als sie mit neunzehn aus der engen Neubauwohnung ausgezogen war, hatte sie wie ein Schwamm die Atmosphäre in der WG-Wohnung aufgesogen, die natürlich ein Altbau gewesen war. Die Ruhe der dicken Wände. Die Geschichte, die solch ein über hundertjähriges Haus ausstrahlte! Und heute, das Hotel von Ari Kelch, war auch ein Altbau gewesen. Sein Zimmer hatte sogar Stuck gehabt. Reliefs von Gesichtern an der Decke und in der Mitte Weinreben. Fotoapparate, Bilder, Bücher. Ein Mann, der liest! Ein sympathisches Zimmer. Geschmackvoll eingerichtet, schlicht und schön. So wie er... als sie ihn festgenommen hatte… Er war völlig gelassen geblieben, höchstens ein bisschen überrascht. War das nicht der Beweis, dass er nichts befürchtete, weil er unschuldig war?
Verena gab sich einen Ruck und konzentrierte sich auf die Pinnwand mit den Namen "Affe", "Zöllner", „Kamm“, „Bessi“, "Kelch" und „Linda“. Den letzteren Namen hatte sie gegen „Freundin, unbekannt“ ausgetauscht. Bisher lagen gegen niemanden so harte Beweise vor wie gegen Kelch. Sie musste sich ihn vornehmen. Konnte das nicht Dennis machen? Konnte der jetzt nicht einfach wieder da sein?
Sie würde ihn fragen, warum er gelogen hatte. Ihn in die Enge treiben. Hoffentlich war er dann nicht wieder so schrecklich charmant. Sie musste ihn fragen, warum er wirklich in Berlin war. Das mit dem Reiseführer war natürlich ein Witz. Hatte er Familie? Eine Frau? Eine Freundin?
Und dann plötzlich fiel ihr noch ein Strohhalm ein. Sie griff zum Hörer und wählte. Am anderen Ende erschallte es:
„Zöllner?“
„Guten Tag Frau Zöllner, hier ist Verena Mayer-Galotti von der Kriminal …“
„Guten Tag Frau Mayer! Haben Sie den Mörder gefunden? Nein? Dann haben Sie sicher noch Fragen an mich? Ich komme gern vorbei, muss Ihnen aber leider sagen, dass mir bis jetzt leider nichts Neues eingefallen ist.“
„Frau Zöllner, es geht um das Phantombild des Mannes, den Sie in Begleitung des Opfers gesehen haben.“
„Sie meinen den, der wie ein Affe aussah? Schön, dass Sie sich besonnen haben. Ich habe ja diesen Vorschlag mit dem Phantombild gleich gemacht, nicht wahr?“
Verena unterdrückte einen Wutimpuls.
„Meinen Sie, dass Sie sich noch genug erinnern, um es mit meiner Hilfe erstellen zu können?“
„Junge Frau, ich war Lehrerin, und als Lehrerin …“
„Ja, ich weiß. Sie sind Gesichtsexpertin. Könnten Sie sofort kommen, Frau Zöllner?“
„Selbstverständlich, wenn ich damit der Wahrheitsfindung diene. Ich kenne meine Pflicht. Ich bin gerade dabei, mir ein spätes Stück Kuchen zu gönnen, da ich heute Nachmittag einen Friseurtermin…“
„Essen Sie Den Kuchen in Ruhe auf, Frau Zöllner, und dann kommen Sie bitte her. Soll ich Ihnen ein Auto vorbeischicken?“
„Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin noch rüstig genug, um den Weg selbst zu finden. Ist es die Adresse auf der Karte, die Sie mir gegeben haben?“
„Ja, Sie finden mich im ersten Stock. Zimmer 127. Ich danke Ihnen.“
„Aber gern. Bis gleich, Frau Mayer.“
„Bis gleich.“

Schon eine Stunde später hatte der Affe ein Gesicht. Es war, wie Verena befürchtet hatte, nicht besonders glaubwürdig. Ein absurdes Gesicht. Wenn dieser Mann nicht nur Frau Zöllners Phantasie entsprungen war, wenn es ihn tatsächlich gab, und wenn er tatsächlich so aussah – geradezu die Karikatur eines Neandertalers mit Elvis-Schmachtlocke – dann musste ihn jemand wiedererkennen.
Verena war Frau Zöllner nur schwer wieder losgeworden. Sie hatte sich mit aller ihr zur Verfügung stehenden Geduld noch eine Viertelstunde lang von den Erfolgen ihres glorreichen Berufslebens erzählen lassen, die, würden sie alle der Wahrheit entsprechen, Generationen von lebenstüchtigen, fleißigen, freundlichen und moralisch hochwertigen Schülern in die Welt hatten strömen lassen, die nun alle irgendwo sein mussten.
Nun war sie endlich wieder mit sich allein. Rasch schrieb sie einen entsprechenden Kurztext und verteilte diesen samt Phantombild an die üblichen Zeitungsredaktionen.

Um 19 Uhr Abends rang sich Verena endlich dazu durch, Ari aus seiner Verwahrung zu holen, wo sie ihn fast den ganzen Tag hatte ausharren lassen, und das Verhör durchzuführen. Der Kollege, der auf Ari Kelch aufgepasste hatte, schaute Verena missmutig an.
"Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Sie können jetzt gehen.", entschuldigte sie sich.
Dann wandte sie sich Ari Kelch zu.
"Würden Sie bitte mitkommen?"
Ari Kelch nickte müde.
Zusammen schritten sie in ein benachbartes Büro, dessen spärliche Inneneinrichtung mit einem Tisch und zwei Stühlen darauf schließen ließ, was hier in der Regel stattfand.
Verena deutete ihm an, sich zu setzen und zog ein kleines Aufnahmegerät aus der Tasche. Langsam legte sie es auf den Tisch und schaute verlegen auf Ari Kelch herab. Dann sagte sie zu sich selbst, dass er nur sehen konnte, was sie ihm zeigte und nur hören konnte, was sie ihm sagte. Ihre Gedanken konnte er nicht lesen. Er konnte nicht wissen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Und dann setzte sie sich eine kühle Maske auf und nahm ihm gegenüber auf dem Stuhl Platz.
"Ich sage Ihnen jetzt gerade heraus, was Sache ist", begann sie. "Sie sind aufgrund der Fotos, die ich bei Ihnen gefunden habe, die den ermordeten Randolf Bock in seiner Wohnung zeigen, möglicher Weise, der Letzte, der ihn lebendig gesehen hat. Das macht Sie zum Hauptverdächtigen. Sie haben das Recht, einen Anwalt zu diesem Verhör hinzuzuziehen. Möchten Sie davon Gebrauch machen?"
"Nein", antwortete Ari Kelch ruhig und schüttelte den Kopf. "Ich habe Randolf Bock nicht ermordet. Ich bin unschuldig."
"Das möchte ich Ihnen gern glauben, aber wenn Sie das nicht beweisen können, wenn Sie mir nichts zu Ihrer Entlastung vorweisen können, dann bin ich gezwungen, die Staatsanwaltschaft zu verständigen und Sie in Untersuchungshaft zu stecken."
"Ich vertehe." Ari Kelch atmete tief durch. "Ich hatte den Auftrag, Randolf Bock zu überprüfen. Ich bin Privatdetektiv." Ari Kelch zog eine Art Ausweis aus der Hosentasche und reichte ihn Verena.
Verena begutachtete ihn eingehend. Sie wünschte sich, dass der Ausweis echt war.
"Erzählen Sie mir von Ihrem Auftrag. Wer ist Ihr Auftraggeber?"
"Ich kann Ihnen den Namen meines Auftraggebers nicht verraten. Das unterliegt meiner Verschwiegenheitspflicht. Ich kann Ihnen nur sagen, dass mir mein Auftraggeber gesagt hat, das Opfer wolle etwas von ihm kaufen. Der Auftraggeber wollte in Erfahrung bringen, wo der Käufer herstamme, ob er vertrauenswürdig war und in welcher finanziellen Lage er sich befand. Ich forschte Randolf Bock aus und stellte eine Mappe über ihn zusammen. Diese Mappe sandte ich bereits vor zehn Tagen nach Argentinien. Ich kann unmöglich der Letzte sein, der das Opfer lebendig sah."
"Nach Argentinien?", fragte Verena. "Ihr Auftraggeber ist Argentinier?" Ihr stieg sofort das illustre Kaufangebot des Van-Gogh-Bildes über drei Millionen Dollar in den Kopf.
„Konrad Bessi!", stieß sie laut hervor.
Ari Kelch zuckte zusammen.
"Das ist Ihr Auftraggeber, nicht wahr?"
"Das kann ich Ihnen unter keinen Umständen sagen. Wenn ich die Identität meines Auftraggebers preisgebe, bekomme ich mein Honorar nicht."
"Wenn Sie es nicht tun, kommen Sie in Untersuchungshaft. Ich kann Sie nur freilassen, wenn sich die tatverdächtigen Beweise gegen Sie widerlegen lassen."
Ari Kelch schwieg. Ihm war unwohl zumute. Aber nicht nur, weil die so charmant gestresste Ermittlerin den Namen seines Auftraggebers kannte, sondern auch, weil er sich angesichts des Mordes nicht mehr sicher war, ob es nicht vielleicht jemand auf ihn abgesehen hatte. Gab es jemanden, der ihm einen Mord anhängen wollte? Bevor er sich sein Honorar verdarb und zugab, für Konrad Bessi gearbeitet zu haben, wollte er unbedingt mit diesem sprechen und alle Möglichkeiten durchdenken.
"Also gut", sagte er ruhig. "Rufen Sie die Staatsanwaltschaft an und bringen Sie mich in Untersuchungshaft." Er war nahezu amüsiert darüber, wie erstaunt Verena Mayer-Galotti ihn ansah. Ihr Kehlkopf vibrierte leicht, und ihre schwarzen Locken hüpften im Takt empörter Schritte als sie den Raum verließ, um zu tun, wozu er sie zwang.

Verena träumte in dieser Nacht von Ari Kelch, der merkwürdigerweise wie ihr Vater aussah. Es war ein angenehmer Traum, in dem er ihr den Stuhl zurechtrückte und ihr, weil sie fror, eine feine, bunte Wolldecke um die Schultern legte, wobei er sie lange ansah. Er hatte blaue Augen. Hatte ihr Vater blaue Augen gehabt? Waren die Augen von Ari wirklich blau? Das Ärgerliche an diesem Traum war nur, dass er die ganze Zeit im Verhörraum spielte und weder sie noch Ari den Raum verlassen konnten, was eine beklemmende Atmosphäre erzeugte …

Als sie am nächsten Morgen den Gang entlang zu ihrem Büro ging, stand ein Mann vor ihrer Bürotür, bei dessen Anblick sie schmunzeln musste. Er trug bayerische Tracht. Sein Gesicht hatte allerdings einen ganovenhaften Ausdruck.
„Guten Tag. Mayer-Galotti. "
"Sie wollen zu mir?“
„Genau.“
„Worum geht es?“
„Um das Bild.“
„Um welches Bild?“
„Na, aus der Zeitung.“ Er holte eine Zeitung aus der Jackentasche und hielt ihr das Bild des ‚Affen‘ so dicht unter die Nase, dass sie unwillkürlich den Kopf zurück riss.
„Ich kenn' den“, sagte der Mann.
Verena straffte sich. „Okay“, sagte sie. „Entschuldigung, kommen Sie doch bitte rein.“
Der Mann gab seinen Namen mit Iwan Setschko an. Ein Russe in bayerischer Tracht. Das wurde ja immer besser! Und dann erfuhr Verena eine etwas verwickelte Geschichte von ihm. Setschko arbeitete im Jagdgeschäft Frankonia in der Friedrichstrasse und verkaufte dort Jagdwaffen, Sportwaffen und Handschusswaffen. In diesen Laden war besagter Mann vor zwei Wochen gekommen und hatte einen Revolver der Marke Kimber 45 gekauft. Die Prüfdokumente, Waffenschein und Ausweis, lagen vorschriftsmäßig vor. Iwan Setschko konnte sich noch genau an das Datum erinnern, als der Mann die Waffe kaufte, da der Käufer auch die letzten Patronen 45-igen Kalibers mitnahm. Setschko hatte noch am selben Tag eine neue Bestellung der Patronen aus den Vereinigten Staaten ausgelöst.
Nachdem nun also das Phantombild in der Zeitung erschienen war, hatte Setschko seinen Quittungsblock durchgeschaut und war sich sicher, Quittung und Gesicht dem Namen Hans Müller zuordnen zu können.
„Donnerwetter“, sagte Verena, „das haben Sie aber sehr gut gemacht, Herr Setschko!“, worauf sie ein breites Grinsen erntete. Zwar bedeutete ein Name wie Hans Müller immer Zeitaufwand, da viele Personen durchleuchtet werden mussten, aber am Ende des Tunnels gab es ein Licht. Sicherlich gab es auch Unsicherheiten, denn bei dem möglichen Mord an Rudolf Bock war überhaupt keine Waffe zum Einsatz gekommen. Aber vorläufig hatte der Affe nicht nur ein Gesicht sondern auch einen Namen.


Sonntag, 18. Dezember 2011

4. Kapitel : Die verräterische Objektivkappe

Gleich zu Anbeginn des nächsten Arbeitstages machte Verena den neuen Verdächtigen, Ari Kelch, in einem günstigen Hotel im Berliner Stadtbezirk Mitte ausfindig. Er hatte dort vor drei Wochen, am Tag seiner Ankunft aus Argentinien, ein Zimmer gemietet und dies auch seither bewohnt. Dieser Umstand machte Verena stutzig. Entweder war Herr Kelch besonders abgebrüht oder aber er fühlte sich auffallend sicher. Warum sonst sollte jemand, der einen Mord begangen hat, sich so leicht finden lassen und nicht die geringsten Anzeichen liefern, seine Spuren verwischen oder flüchten zu wollen? Warum war er immer noch in Berlin und nicht gleich nach der "Tat", sofern er sie begangen hatte, abgereist?
Sie fragte sich, ob es eine gute Idee war, allein zum Hotel zu fahren, hatte aber keine Wahl. Bis Dennis aus dem Urlaub zurückkehrte, musste sie allein zurechtkommen. Kollege Haase unterstützte sie zwar punktuell, gehörte aber eigentlich zum Innendienst und hatte viele andere Aufgaben. Bis auf ihn gab es aufgrund von Personalmangel keine weitere Unterstützung.
Verena ärgerte sich zunehmend, dass sie sich andauernd und allein Gefahren aussetzen musste, weil ihr Partner entweder krank oder im Urlaub war. Sie zündete sich gestresst eine Zigarette an, während sie im Auto saß und durch den Stau navigierte. Es ging so gut wie überhaupt nicht vorwärts.
In der Konsole zwischen Fahrer- und Beifahrersitz lagen Entwöhnungstabletten. ‚Ja, den Gedanken ans Aufhören hatte sie schon gehabt…!’ Verena warf sie wütend beiseite.
"Gott, bin ich sauer", entfuhr es ihr. "Auf Dennis, auf meinen Ex-Mann, auf Pestfliegen wie Ralf oder Frau Zöllner, auf den Stau..., auf mich selbst. Was für ein Dreckstag!"
Im Hotel angekommen, war es zehn Uhr. Sie wies sich an der Hotelrezeption als Kriminalbeamtin aus und lies sich die Zimmernummer von Ari Kelch geben. Dann näherte sie sich mit bestimmten Schritten seiner Zimmertür und klopfte.
"Ja?", ertönte eine freundlich, ältere Männerstimme.
"Verena Mayer-Galotti von der Kriminalpolizei. Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen. Würden Sie bitte die Tür öffnen?", forderte sie in barschem Ton.
"Sofort.", antwortet die Stimme erneut. Als sich das Schloss drehte, wich Verena einen Schritt beiseite. Im Türrahmen erschien ein schlanker, grauhaariger Mann, der sich gerade seine Lesebrille abnahm. Er trug eine schwarze Anzughose und ein beigefarbenes, an den Ärmeln leicht hochgekrempeltes, Hemd. Seine wässrig blauen Augen blickten Verena erwartungsvoll aber ruhig an.
"Sind Sie Herr Ari Kelch?", fragte Verena.
"Der bin ich. Worum geht es denn, wenn ich fragen darf?", erwiderte er in akzentfreiem Deutsch.
"Um eine Mordermittlung und Ihre Spuren am Tatort.", antwortete Verena.
"Oh!", stammelte Ari Kelch. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Aber kommen Sie doch bitte herein."
"Es handelt sich bisher lediglich um eine Befragung.", antwortete Verena und betrat das Hotelzimmer. Ohne ihre Sachen abzulegen, setzte sie sich auf einen Schreibtischstuhl und wartete, bis Ari Kelch auf dem einzigen Sessel des Zimmers Platz genommen hatte. Im Zimmer war es angenehm ruhig. Herr Kelch strahlte Ruhe aus. Sie wurde sich bewusst, dass der Stress und der Ärger, die sie noch vor wenigen Minuten empfand, merklich nachließen. Langsam zog sie zwei Fotos aus der Tasche und gab sie ihm.
"Das erste Foto zeigt die Objektivkappe einer Leica- Kamera, auf der Ihre Fingerabdrücke gefunden wurden. Das zweite Foto zeigt den Ort, an dem die Kappe lag, und zwar vor dem Fenster der Hellersdorfer Strasse 488. In genau dieser Wohnung wohnte ein Mann, der gestern ermordet wurde. Würden Sie bitte bestätigen, dass die Kappe von Ihnen stammt und erklären, was Sie an diesem Ort zu suchen hatten?"
Herr Kelch schien überrascht. Wenn er die Überraschung spielte, hatte er seine Berufung verpasst, nämlich die, Schauspieler zu werden.
"Es stimmt. Dies ist meine Objektivkappe. Ich habe sie schon vermisst. Allerdings habe ich die Kappe schon vor zwei Wochen verloren. Ich bin Fotograf und komme aus Argentinien. Ich bin in Berlin, weil ich an einem Reiseführer über Berlin arbeite. Vor zwei Wochen führte mich mein Weg in den Stadbezirk Hellersdorf, weil ich an der Hauswand der Alice Salomon Hochschule ein Gedicht abfotografieren wollte. Da bin ich etwas im Bezirk herumspaziert und habe auch an anderen Stellen Fotos gemacht. Irgendwo habe ich die Kappe verloren. Aber wie gesagt, an die genaue Stelle erinnere ich mich nicht. Ich habe sie einen Tag später noch mal gesucht aber nicht gefunden."
"Seit wann sind Sie in Deutschland und wie lange gedenken Sie zu bleiben?", fragte Verena.
"Ich bin vor genau drei Wochen, am 04.09., eingereist und bleibe noch weitere drei Tage.", gab Ari Kelch bekannt. Seine Aussage deckte sich mit den Informationen, die Verena bereits vorlagen.
"Haben Sie einen Zeugen, der bestätigen kann, was Sie gerade sagten? Oder haben Sie Fotos, an deren Datum sich ablesen lässt, wann sie gemacht wurden?", frage Verena.
"Leider nein. Meine Kamera ist ein älteres Modell und hält noch kein Datum fest. Ich war allein unterwegs."
"Dann muss ich Sie leider bitten, mit Ihrer Abreise zu warten, bis unsere Untersuchungen abgeschlossen sind. Bis auf weiteres liegt ein Tatbestand der Verdächtigung vor."
"Nehmen Sie mich jetzt etwa fest?" fragte Herr Kelch mit aufgeregter Stimme.
"Nein. Ich möchte nur, dass Sie in der Stadt bleiben.", erwiderte Verena.
Herr Kelch atmete tief durch, erleichtert.
"Ich lasse Ihnen meine Karte da, falls Ihnen noch etwas zu Ihrer Entlastung einfällt. Umgekehrt werde ich mich sofort bei Ihnen melden, wenn sich die Umstände des Falles ändern."
Herr Kelch nickte.
"Ich verstehe.", tat er kund.
Seine Stimme erweckte Sympathie.
"Es tut mir leid für die Umstände. Falls Sie durch den verlängerten Aufenthalt finanzielle Probleme oder Einbußen haben, lassen Sie es mich bitte wissen. Im Falle Ihrer nachgewiesenen Unschuld kümmere ich mich um eine Entschädigung." Verena war über ihren eigenen Vorschlag überrascht, aber noch mehr über ihre Stimme, die nahezu sanft klang.
"Ich bin bereits Rentner und mache den Reiseführer nur zum Spaß. Es macht mir nichts aus, einige weitere Tage hier zu bleiben. Meine Eltern kommen aus Berlin und sind nach dem Krieg, den sie als Juden nur durch ein Wunder überlebten, nach Argentinien ausgewandert. Ich wandle gern auf den Spuren meiner Herkunft."
"Wie haben Ihre Eltern denn überlebt?", fragte Verena mit Interesse.
"Das weiß ich nicht. Sie haben es nie jemandem erzählt. Auch mir nicht. Und jetzt sind sie schon seit einigen Jahren tot."
Verena nickte. Sie fand, dass der Mann, der ihr gegenüber saß, höchstens wie 50 aussah und einen sportlichen, vitalen Eindruck machte. Er sah keineswegs wie ein Rentner von 62 Jahren aus. Seine drahtigen, gepflegten Hände spielten noch immer mit seiner Lesebrille.
Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie weiter fragen sollte, aber zum Gehen war ihr irgendwie nicht zumute. Appetit hatte sie plötzlich. Ari Kelch blickte sie aufmerksam an. Sie senkte ihren Blick, etwas beschämt. Auf dem Schreibtisch lag ein Stapel Fotos, den sie schnell zur Hand nahm und darin umherblätterte, um die peinliche Pause zu überspielen.
"Sind dies die Fotos, die Sie bisher in Berlin gemacht haben?", fragte sie lebhaft.
"Ja.", gab Ari Kelch zurück und sprang plötzlich auf, stürzte hektisch auf den Schreibtisch zu und versuchte, die Fotos an sich zu reißen.
Aber es war zu spät. Verena hatte bereits gefunden, was Ari Kelch verbergen wollte: ein Foto von Randolf Bock in seiner Wohnung in der Hellersdorfer Strasse, fotografiert von außen durchs Fenster.
Verena erhob sich. Ari Kelch fror auf der Stelle ein. Enttäuschung war in Verenas Gesicht geschrieben. Bedauern im Gesicht ihres Gegenübers.
"Ich muss Sie bitten mit auf das Revier zu kommen. Ich nehme Sie hiermit aufgrund des dringenden Tatverdachts, den Mord an Randolf Bock begangen zu haben, fest.", brachte sie hervor und legte Ari Kelch Handschellen an.